Der große Unbekannte der drei antiken Anreger der europäischen Gartenkunst.
Über den historischen Heron weiß man weder seinen vollständigen Namen noch irgendwelche Lebensdaten, noch seinen Lebens- oder Arbeitsbereich. So gut wie keine Gartengeschichte nennt seinen Namen. Und doch hat er die Spitzenleistungen der Gartenkunst wie kaum ein anderer beeinflusst. Die Villa d'Este, Pratolino oder der Hortus Palatinus wären ohne seine Anregungen nicht denkbar gewesen. Er brachte den Intellekt in die Gestaltung der Natur und regte dazu an, mit ihr zu spielen. - Weshalb? Auch das weiß man heute nicht mehr.
Allgemein nennt man ihn Hero oder "Heron von Alexandrien" (obwohl eine Beziehung zu dieser Stadt nicht nachweisbar ist. "Von Alexandrien" allein zur Unterscheidung, weil es unter dem Namen Hero / Heron noch andere schreibende griechische Autoren gegeben hat).Gewöhnlich versucht man seine Lebensdaten aus seinem Werk abzuleiten, was nur begrenzt möglich ist:
- Er lebte nach Archimedes (gestorben 212 v.Chr. Heron erwähnt seinen Namen).
nach Eratosthenes von Kyrene
(gestorben um 194 v.Chr.. Heron erwähnt seinen Namen).
nach 129 v.Chr.
(Er nennt in seiner "Dioptra" eine Methode der Distanzmessung, die nur bis Hipparchos zurückgeführt werden kann).
- Er lebte vor dem Matthematiker Pappos (4. Jh. n.Chr.), der ihn zu seinen Vorgängern zählt.
(Auf diesem Hintergrund wird seine Lebenszeit oft zwischen 200 vor und 300 nach Chr. angegeben, d.h. nach Archimedes und vor Pappos (so von Wilhelm Schmidt 1899)).
Das Datum einer Mondfinsternis, die er in seiner "Dioptra" erwähnt, wurde für den 13.3.62 n.Chr. berechnet (1938 von Otto Neugebauer, nach dem julianischem Kalender). Von diesem Datum ausgehend, nimmt man an, dass er im 1.Jh. nach Chr. gelebt hat. Doch weiß man inzwischen, dass für seine Angaben verschiedene Mondfinsternisse infrage kommen (z.B. nach Nathan Sidoli 2005; doch soll bei diesem ein Fehler dadurch entstanden sein, dass er gleichzeitig mit verschiedenen Kalendersystemen seine Berechnungen gemacht hat).
Seine Herkunft aus Alexandrien ist nicht gesichert. Sie wird nur vermutet, weil Pappos ihn in seinen Schriften einmal als Alexandriner bezeichnet hat.
Einerseits vermutet man in Heron einen der genialsten Ingenieure aller Zeiten, andererseits weiß man nicht, welche Bereiche in seinem Werk tatsächlich auf seinen Eigenleistungen beruhen. (Man besaß früher gegenüber einer geistigen Herkunft eine andere Einstellung als heute). Man sieht ihn als Wissenschaftler, Naturforscher, Mathematiker, Physiker, Ingenieur, Mechaniker und Techniker, doch sind dies Nennungen, die wir heute aus unseren Perspektiven heraus treffen. Früher handelte es sich genau genommen um naturwissenschaftlich orientierte Philosophen, die einerseits die Geheimnisse der Natur, ihrer Umwelt über deren Mathematisierung zu ergründen suchten und andererseits ihre Erkenntnisse mit Hilfe neuer "Erfindungen" auf ihre Lebenswelt übertrugen. Archimedes (um 285-212 v.Chr., Syrakus) scheint an ihrem Anfang gestanden zu haben. Vitruv spricht von 12 Verfassern mechanischer Werke (in der Einleitung zum 7.Buch), die ihm bekannt gewesen seien. Nur von Heron sind umfangreiche Texte erhalten geblieben. Inhaltlich lassen sie sich heute nur schwer einem Wissenschaftsbereich zuordnen, zumal ihn besonders nur die Anwendung der damaligen Erkenntniswelt interessierte, - eine Anwendungswelt, die ihn später in der Renaissance für die Welt ihrer Wunderkammern so interessant machte (und der Garten gehörte damals zur Welt dieser Wunderkammern). Seine Schriften überlebten in griechischen, lateinischen und arabischen Versionen, bzw. Übersetzungen. Sie beschäftigen sich vorwiegend mit der Pneumatik, mechanischen Technik, dem Geschützbau und dem Vermessungswesen. Mehrere seiner Werke sind verloren gegangen, andere wiederum nur noch in Bruchstücken verfügbar, d.h. fragmentarisch vorhanden. Man vermutet, dass es sich teilweise um Vorlesungsnotizen handelte. Als Ganzes bilden sie eine großartige Sammlung antiken Wissens, besonders im Bereich der Geometrie und Mechanik und hier besonders neben dem wissenschaftlichen Bereich auch in ihrer spielerischen Anwendung, ein Aspekt, der sie dann später für die Gartenkunst, besonders die Verwendung des Wassers im Garten, so interessant machte.
Als gesicherte Werke Herons gelten:
- "De Automatis": "Buch der Maschinen" (Autgomat = griech. "Selbstbeweger):
Es enthält die Konstruktionen "Wunder"-erzeugender Geräte: u.a.
- sich selbst entzündende (Opfer-)Feuer,
- Töne und Bewegungen erzeugende Gegenstände,
- sich drehende und bewegende Tanzfiguren,
- automatische Musik, Musikmaschinen,
- sich selbst öffnende und schließende Türen,
- automatische Theater mit Spezialeffekten,
- Donnergeräusche.
- "Dioptra": "Buch der Optik".
Es enthält eine Sammlung von Konstruktionen zur Bestimmung von Entfernungen (= Geräte zur Feldmessung).
- Dioptra = Instrument mit der Funktion eines Theodoliten.
- Hodometer = für größere Strecken (bereits von Archimedes genutzt),
- astronomische Verfahren für die Entfernungen über Meere.
- "Metrica": "Buch der Messung" (erst 1896 wieder aufgefunden).
Es besteht aus drei Büchern zur Flächen- und Körperberechnung. Hier u.a. die "Heronsche Formel" und das "Heronsche Dreieck". Es baut auf den Messregeln der alten Ägypter und Babylonier auf und beschäftigt sich mit der Berechnung von Flächen und Körpern. Auf dieses Buch bezogen sich die römischen Gromatiker (Groma-Kreuz = wichtigstes römisches Vermessungsinstrument) oder Agrimensoren (Feldmesser) bei ihren Vermessungsarbeiten, bzw. dann später die auf diese sich berufende mittelalterliche Literatur.
- "Pneumatica": "Buch der Pneumatik und Hydraulik".
Es gibt die Lehre Stratons vom Vakuum wieder. Dabei beschreibt es mechanische Geräte, die mit Hilfe von Luft-, Dampf- und Wasserdruck funktionieren.
(Hier u.a. Fontänen, Windorgel, Münzautomat für Weihwasser, oder eine Art von Dampfmaschine ("Aeolipile" = dampfgetriebene Rotationsmaschine; von ihm selber als Kuriosum verstanden. Da ihre Kraft nicht steuerbar ist, kann man sie nicht als einen Vorläufer der Dampfmaschine ansehen. Ob Heron sie selbst entwickelt oder aus älteren Quellen übernommen hat, ist unbekannt. Was ihr eigentlicher Zweck sein sollte, weiß man heute nicht mehr. ).
- "Belopoeica": "Buch der Projektile".
Die Beschreibung der Konstruktion von Kriegsmaschinen.
(u.a. ein mehrgeschossiges Katapult).
- "Mechanica": Drei Bücher über das Bewegen schwerer Lasten.
(Beziehen sich im theoretischen Teil wahrscheinlich auf heute verloren gegangene Schriften des Archimedes. Sie wurden 826 -866 von Qusta ibn Luga für die Söhne Banu Musas aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt).
Wahrscheinliche Bücher Herons:
Wahrscheinlich von Heron (aber von späteren Autoren stark abgewandelt):
- "Geometrica":
Formelsammlung, baut auf das 1. Kapitel der "Metrica" auf,
- "Stereometrica":
Baut auf das 2. Kapitel der "Metrica" auf,
- "Mensurae":
Baut auf der "Metrica" und der "Stereometrica" auf (beschreibt Messinstrumente).
- "Cheirobalistra":
Teil eines Wörterbuches über Katapulte.
(Die "Definitiones", "Geometrica", "Stereometrica" und Mensurae" sind heute nur noch als byzantinische Handschriften vorhanden.
Verloren gegangen sind seine Werke über
- "Lastenzieher",
- den "Bau von Gewölben",
- "Wasseruhren",
- ein "Kommentar zu den Elementen Euklids".
Der Umfang seiner früheren Gesamttexte ist unbekannt.
Nach Heron benannt wurden:
- das "Heron-Verfahren" zum Berechnen von Quadratwurzeln,
der "Satz des Heron" = Die Berechnung einer Dreiecksfläche nur von den Seiten her, der "Heronball" ("Aeolipile"),
der "Heronsbrunnen" (bekannt als Siphon).
Auffällig ist die Nähe vieler seiner "Erfindungen" zum kultischen Bereich:
- Orakelmaschinen:
Auf eine einfache Frage antwortete sie mit "ja" oder "nein". Der Gesang eines mechanischen Vogels hieß "ja", sein Schweigen "nein". Ein Priester konnte sie zum Schweigen bringen.
- Verkauf von Weihwasser
(mit Hilfe eines Münzautomaten),
- sich automatisch öffnende Tempeltüren
(die Türen öffneten sich wie von Geisterhand. Unbedarften Gläubigen konnte damit die Macht der Götter demonstriert werden),
- drehbare Altarfiguren.
Es scheint eine enge Beziehung zwischen der Automatentechnik und kultischen Handlungen bestanden zu haben. Später hat man dann gerne diese Techniken bei Mysterienspielen oder der Darstellung magischer Imaginationen eingesetzt.
Für die Gartengestaltung der Renaissance waren zwei seiner Schriften besonders bedeutsam, seine "De Automatis" und seine ‚"Pneumatica", die den technischen Bau dreier Automatengruppen beschrieben. Mit der Beherrschung ihrer mechanischen Abläufe wurde ihr Besitzer spielerisch in die Rolle eines Beherrschers der Naturkräfte versetzt, die hinter ihnen standen. Einerseits pflegte man damit über den Rückgriff auf Heron die Kulturleistungen der Antike und andererseits die herausragende Stellung des Menschen über die Natur. Für uns sind heute die Bezüge in ihrer damaligen Bedeutung kaum noch nachvollziehbar. Zum Geist der damaligen Wunderkammern gehörten nicht nur die damaligen großen Pflanzensammlungen, sondern auch die "Gartenwunder" in technischer Form. Sie verkörperten die menschliche Herrschaft über die Kräfte der Natur, seine Fähigkeit sich über vorhandene geologische und physikalische Gegebenheiten hinwegsetzen zu können und so eine Paradieswelt nach den eigenen Vorstellungen schaffen zu können. Im Barock wurden sie dann noch zusätzlich zur extremen sozialen Machtdemonstration, für die als herausragendes Beispiel dann Versailles gilt.
Der Garten der Renaissance war eine Kulturwelt, in der mit Hilfe menschlicher Ordnungsvorstellungen und der Mathematik spezifische, der Erwerbsnutzung entzogene Räume geschaffen wurden, Räume, zunächst als Orte des Treffens und dann später bei einem größeren Publikum der Statusdemonstration.
- Herons "De Automatis":
Er verbesserte darin das automatische Theater des Ktesibios (3. Jh.v.Chr., griech. Mathematiker und Erfinder, war an der Bibliothek von Alexandrien tätig). Er wurde damit für das Europa des 15. Und 16. Jhs. zur wichtigsten Autorität für den Maschinen- und Automatenbau. Man griff dabei teilweise auf arabische Quellen zurück, teilweise auf Traktate der alten Griechen, die nach der Einnahme Konstantinopels 1483 nach Italien gelangt waren. Es gibt insgesamt 40 griechische, mehrere arabische Manuskripte und ein lateinisches.
- 1576 wahrscheinlich vollständig übersetzt.
- 1589 Herausgabe der italienischen Edition von Bernardino Baldi.
In dieser Schrift gibt es keine theoretischen Hintergrundbeschreibungen, sondern nur Hinweise für die praktische Konstruktion und Nutzung der Automaten.
- Herons "Pneumatica":
Man zählte in der frühen Neuzeit diese Schrift zu den wichtigsten technikwissenschaftlichen Arbeiten der Antike. Das Buch war bis dahin in ca. 80 mittelalterlichen griechischen, 4 lateinischen und mehreren arabischen Manuskripten erhalten gewesen.
- Im späten 15. Jh.
erfolgte eine erste italienische Übersetzung durch Ermolao Barbareo (1454 - 1494),
- 1501
erste illustrierte Auszüge in der humanistischen Enzyklopädie "De expetendis et fugiendis rebus" von Giorgio Valla (posthum herausgegeben von Aldo Manurzio).
- Seit Mitte der 1570er Jahre
beschäftigte sich der Architekt Buontalenti mit der Automatenkunst. Oreste Vanoccio fertigte für ihn eine italienische Übersetzung an (1582 vollendet), die weitgehend dann die Ingenieurarbeiten von Pratolino beeinflusst haben. Seit etwa 1576 / 1577 errichtete man dort für die Grotten unter der Villa mehrere hydropneumatische Automaten. Buontalentis Mitarbeiter, die Brüder Francini, verbreiteten dies Kunst seit 1598 dann später am französischen Hof.
- 1575
erste vollständige gedruckte lateinische Übersetzung durch Frederico Commandino (1509 - 1575).Sie war die Grundlage der späteren Übersetzungen ins Italienische, Deutsche, Englische, Französische.
- 1585
Veröffentlichung in italienischer Sprache.
- 1589
erste italienische Druckausgabe von Battista Aleotti.
- 1688
erste deutsche Übersetzung durch Tobias Nislen (1636 - 1710, Württemberger Hofprediger). Heron galt für ihn besonders als der Erfinder von Wasserspielen.
- 1899
deutsch-griechische Ausgabe von Wilhelm Schmidt (im Rahmen einer 5-bändigen Ausgabe der Heronschriften).
Zu den wichtigsten Wiederentdeckungen der Renaissance gehörten Gestaltungen mit Hilfe des Wassers, und Heron war derjenige, der dafür die Erläuterungen und technischen Konstruktionshilfen lieferte. Er schuf die Voraussetzungen für eine demonstrative Naturbeherrschung, die wiederum der Machtdemonstration des jeweiligen Herrschers entgegen kam. Je höher es gelang den Strahl einer Wasserfontäne zu bringen, umso eindrucksvoller war dann dieses Ergebnis.
Mit den Schriften Herons zieht die wissenschaftlich unterlegte Naturbeherrschung in die Gartengestaltung ein.
Herons Texte sind weitgehend in einer neutralen Fachsprache geschrieben worden. Die heutigen Kapiteleinteilungen stammen aus der byzantinischen Zeit oder von späteren Herausgebern. Die Texte enthalten eine Vielzahl erläuternder Zeichnungen (technischer und mathematischer Art). Autobiographische Informationen lassen sich aus ihnen nicht gewinnen. Geschichtliche Bezüge fehlen. Zitate sind selten und dann unregelmäßig. Bei Quellenangaben werden nur die jeweils ältesten genannt (früher üblich, bei Heron so nur solche aus dem 4. und 3. Jh. v.Chr.). In der Antike wurde Heron in eine Reihe mit Euklid und Ptolomaios gestellt (so z.B. Gregor von Nazianz, um 350 n.Chr.), heute sehen wir ihn als den "letzten Vertreter einer sich im Niedergang befindlichen hellenistischen Wissenschaftstradition" (Lucio Russo).
Für uns sind Automaten aus der frühen Neuzeit weitgehend nur noch historische Kuriositäten. In der Zeit ihrer Entstehung haben sie aber höchste Bewunderung erregt. Sie stellten die Spitze der damaligen menschlichen Naturbeherrschung dar und leiteten den menschlichen Glauben einer Beherrschbarkeit der Natur mit Hilfe der Mathematik ein. In einem Garten vereinigte sie sich jetzt mit der Kunst, indem sie mit Hilfe der Geometrie die Außenräume kreativen menschlichen Bedürfnissen unterwarf. Die Wasserfontäne war ein Ausdruck des menschlichen Triumphes über die Natur und je höher sie gezwungen wurde ihr Wasser herauszuwerfen, umso größer war der Triumpf. "Die Gartenkunst stellte die repräsentative Spitze der Naturbeherrschung dar" (Volker Remmert). Dem Berufsstand des Gärtners kam jetzt eine neue Bedeutung zu. Seine Autorität baute ab jetzt auch auf der Kenntnis der mathematischen Wissenschaften auf. (Allerdings leitete die starre mechanistische Naturauffassung am Anfang des 18. Jhs. dann auch den Niedergang des formalen Gartens der Renaissance und des Barocks ein).
Die Automaten waren auf Wirkung zielende Funktionsträger, deren technischer Hintergrund verborgen blieb, deren Sicht- oder hörbare Wirkungsweise aber Erstaunen wecken sollte. Es hat sie bereits in der Antike gegeben, doch sind keine aus dieser Zeit erhalten geblieben. In der beginnenden Neuzeit, mit dem intensiven Studium der alten Schriften durch die Humanisten, weckten sie deren Fantasien. Erstmals verwirklicht wurden sie dann in der Renaissance.
Im Rückgriff auf Heron kannte man in dieser Zeit drei Automatentypen in unterschiedlichen Akzentuierungen:
- Wasserorgeln:
Sie waren schon in der Antike bekannt gewesen. Nach Vitruv wurden sie von Ktsebios von Alexandrien erfunden. Für die römische Oberschicht waren sie besonders in der Zeit Neros ein wichtiges Statussymbol und galten als ein Ausdruck des Wohlstandes. Im Mittelalter wurden die Orgeln dann in Verbindung mit einem Blasebalg für liturgische Zwecke eingesetzt, um an derem Ausgang wieder mit dem Studium von Heron verstärkt zur Wasserkraft zurückzukehren. Die erste Wasserorgel der Renaissance wurde im Garten der Villa d'Este (1566) errichtet. Im späten 16. Jh. gehörten sie dann zu einem beliebten Ausstattungselement der italienischen Gärten. Aus der Orgelkunst entwickelte sich die Automatenkunst, die dann bis zum Beginn des 17. Jhs. (in England bis weit ins 17. Jh. hinein) die Garten- und besonders die Grottenkunst bestimmte.
Entscheidend zu dieser Entwicklung hatte die "Pneumatica" von Heron beigetragen. Darin werden vom Wasser und vom Wind angetriebene Orgeln beschrieben. Er entwickelte sie für den Gesang künstlicher Vögel. Während die antiken Orgeln noch einen Organisten benötigten, hatte man in der Renaissance einen automatischen Mechanismus für sie entwickelt (wahrscheinlich kurz vor 1566 von Le Clerc für den "Eulenbrunnen" in Tivoli). Bereits 1570 befand sich dann eine Wasserorgel im Parnasshügel von Pratolino (Florenz).
- Künstliches Vogelgezwitscher:
Auch dieses geht auf Heron zurück und steht mit den Wasserorgeln in einer engen Verbindung. Das trillernde Zwitschern einiger Pfeifen entsteht dadurch, dass einige von ihnen mit Wasser gefüllt sind. Der diesbezüglich spektakulärste Automat war der "Eulenbrunnen" der Villa d'Este (1566), bei dem aus einer Gartennische der Gesang bronzener Nachtigallen, Stieglitze und Hänflinge ertönte. Eine Kopfbewegung der Eule ließ ihn erklingen oder verstummen.
- Musizierende und sich bewegende Figuren und Tiere:
Sie bilden den Großteil der Automaten. Besonders im 16. Jh. stellten sie mythologische Figuren oder Tiere dar (z.B. Neptun von Delphinen gezogen). Der erste wurde in der Villa Medici in Pratolino aufgestellt. Berühmt war dort u.a. eine Galatea-Szene (im Untergeschoß) bei der sich die Türen öffneten und Galatea herausgezogen wurde. Pratolino besaß seiner Zeit einen weltberühmten Garten. Sein Besuch gehörte zum offiziellen Ausbildungsprogramm eines Adligen zu Beginn des 17. Jhs. Der französische König holte von hier die Ingenieure (Brüder Francini) für die Errichtung der wasserbezogenen Anlagen in seinen Gärten. Seine Automatenkunst strahlte als Hauptattraktion der Gartenkunst auf ganz Europa aus.
Unmittelbar auf Anregungen aus dem Werk Herons fußen große Teile folgender Gartenanlagen:
- Villa d'Este
(Tivoli, wird wieder zunehmend rekonstruiert),
- Pratolino
(bei Florenz, Anlagen heute nicht mehr erhalten),
- Villa Lante
(teilweise noch erhalten),
- Saint-Germain-en-Laye
(franz. Königsschloss von Heinrich IV.),
- Warande-Garten
(Brüssel),
- Hortus Palatinus
(Heidelberg; Rekonstruktion leicht möglich, da die Baustrukturen und Pläne noch vorhanden),
- Hellbrunn
(südlich von Salzburg; ab 1613 errichtet, heute noch vorhanden).
D.h., alle bedeutenden Anreger-Gärten der zweiten Hälfte des 16. Jhs.. Kein formaler Garten ist ohne die Einbeziehung von Wasserkünsten nach dieser Zeit noch denkbar. Sie sind es, die die Beherrschung der Natur durch den Menschen symbolisieren und zum Schluss der Entwicklung dann als Symbol für die Macht des Herrschers selber stehen. Was wäre Versailles ohne seine Brunnen, was Herrenhausen ohne seine Fontäne.
Zu den Anregungen Herons gehören
- geometrische Formen,
- Springbrunnen und Wasserspiele,
- akustische Effekte (Musik, Tonfolgen, Donner),
- optische Spielereien,
- Automaten,
- Sonnenuhren.
Heron - Text
(aus "Pneumatica", 1. Buch, nach Wilhelm Schmidt 1899; aus "Wunder und Wissenschaft" Katalogbuch 2008, S. 32)
"Das Studium der Pneumatik wurde von den alten Philosophen und Mechanikern sehr eifrig betrieben, indem die einen ihr Wesen theoretisch, die anderen durch Vorführung von Experimenten darlegten. Daher erscheint es auch uns notwendig, die Erfindungen unserer Vorgänger, wie sie uns überkommen sind, in geordneter Reihenfolge zu entwickeln und unsere eigenen mit einzuschalten. Das dürfte für künftige Mathematiker von praktischer Bedeutung sein. Wie oben bemerkt, behandeln wir auch die Pneumatik, weil wir sie für die natürliche Fortsetzung unserer früheren, in vier Büchern gegebenen Darstellung der Wasseruhren halten. Denn durch Vereinigung von Luft, Feuer, Wasser, Erde und die Zusammensetzung von drei oder auch vier Elementen ergeben sich Verbindungen mannigfacher Art, von denen einige uns mit sehr notwendigen Lebensbedürfnissen versorgen, während andere staunende Bewunderung hervorrufen".
Quellen
- Brockhaus "Conversations-Lexikon", Leipzig 1884
- "Brockhaus Enzyklopädie", Wiesbaden 1969
- "Wunder und Wissenschaft - Salomon de Caus und die Automatenkunst in Gärten um 1600", Katalogbuch zur Ausstellung im Museum für Europäische Gartenkunst der Stifung Schloss und Park Benrath, 2008,