|
|
|
|
Seit Mitte des 17. Jhs. entstand am Stadtrand Hannovers in Herrenhausen die Sommerresidenz der welfischen
Herzöge und späteren Kurfürsten und Könige. Zu ihr gehörten vier Gartenanlagen, von denen die drei
erstgenannten auch heute noch zum Besten gehören, was Deutschland gartenhistorisch zu bieten hat. Der
- "Große Garten" als ehemaliger repräsentativer Schlossgarten,
- "Berggarten" mit seinen Pflanzensammlungen,
- "Georgcngarten" als Landschaftspark
und der
- "Welfengarten", der durch Umbauten und Zerstörungen im zweiten Weltkrieg nur noch als
städtische Grünanlage für die Studenten der Universität (im dazu gehörenden Welfenschloss)
und die Bewohner der Nordstadt dient.
Zusammengehalten wird dieses Gesamtensemble durch die Herrenhäuser Allee. Der Ausbau und Umbau dieser
Gärten dauerte bis 1866, bis Hannover eine preußische Provinz wurde.
Der "Große Garten"
Für die einen (auch den Autor) der schönste Barockgarten Deutschlands, für die anderen eine einfallslose,
schematische Anlage, das Ergebnis eines "verschrobenen Kunstgeschmacks". Dabei ist es eine Frage der
Maßstäbe, mit denen man an diesen Garten herantritt. Er ist kein französischer Barockgarten und wollte es auch
nie sein. Über die Herkunft seines Gestalters Charbonnier weiß man überhaupt nichts. Es ist sehr
unwahrscheinlich, das er Le Nôtre gekannt hat. Zur Erlangung von Anregungen wurde er von seinem Herrscherhaus
nach Holland geschickt und nicht nach Frankreich, was bei den guten Beziehungen zum französischen Hof leicht
möglich gewesen wäre.
Der Große Garten ist wahrscheinlich eine der regelmäßigsten Gartenanlagen, die es überhaupt gibt, in jedem Fall
die regelmäßigste in Deutschland. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Regelmäßigkeit im Barock einen
anderen Stellenwert besaß, als wir ihr heute zumessen. Die zu gestaltende Welt wurde im Ideal mit Hilfe
mathematischer Ordnungen erfasst. In ihr sah man das Göttlich-Unveränderbare. Dabei ist es wichtig zu wissen,
dass der einflussreichste Berater der Kurfürstin Sophie, die in diesem Garten ihr Lebenswerk sah, Gottfried Wilhelm
Leibniz war, einer der bedeutendsten Philosophen und Mathematiker. Sie traf und beriet sich mit ihm fast
täglich. Dieser Garten ist am Ende das Ergebnis ihrer Gespräche. Er ist ein in Formen gebrachter Ausdruck der
Mathematik, des mathematisch Gestaltbaren, ein idealisierter Ausdruck der göttlichen Ordnung, der Harmonie.
Die Kurfürstin sagte über ihn:
- "Le jardin c'est ma vie" (der Garten ist mein Leben).
- "Nur mit dein Herrenhäuser Garten können wir prunken, der in der Tat schön und
wohlgehalten ist (1713 in einem Brief an Leibniz).
Daten zur Orientierung:
Gesamtmaß: 55 5 x 905 m (Verhältnis 11 : 18, nahe am "Goldenen Schnitt"),
ca. 50 ha,
Seitliche dreireihige Lindenallee: ca. 800 m lang,
Hecken: Gesamtlände der Hainbuchenhecken 15 km,
der Lindenhecken 6 km,
(Insgesamt 21 km Hecken: bei einer durchschnittlichen Höhe von 3 m ergibt dies eine
Schnittoberfläche von ca. 14 ha. In der Zeit von 1666 bis 1966 wurden allein für den Schnitt
über 3 Mio. Arbeitsstunden aufgewandt).
Alle rechten Winkel betragen nur 87,2 Grad. Dadurch wird versucht, die mathematische Starre zu mildem.
Besonderheiten:
- der besterhaltene Barockgarten in Deutschland (einer der besterhaltenen Europas),
- das älteste Heckentheater,
- die höchste Fontäne Europas,
- bedeutendste Freskenzyklus in Norddeutschland (von Tommaso Giusti in der Galerie),
- der einzige, fast unverändert erhaltene Garten im holländischem Stil.
Geschichte
1638 Herrenhausen gelangt in den Besitz der welfischen Familie. Im Dürfe Höringehusen werden
mehrere Bauernhöfe zu einem Vorwerk aufgekauft (= einem vom Haupthof getrennten
landwirtschaftlichen Betrieb mit eigenen Wirtschaftsgebäuden).
1666 Errichtung eines Lusthauses (Sommerschlosses, mit Hilfe von Materialien aus einem ehemaligen
Jagdhaus), eines Lustgartens (an dessen Südseite) und eines Küchengartens (an dessen Nordseite,
dem späteren Berggarten) durch Herzog Johann Friedrich.
Herzog Johann Friedrich (1665/79):
Machte Herrenhausen zu seiner Sommerresidenz. Er war sehr gebildet, sehr religiös
(katholisch) und problematisch. Er lebte oft in Venedig und umgab sich mit einem
Schwarm ausländischer Hofleute. U.a. wurde Leibniz durch ihn nach Hannover berufen.
Er schuf die kulturelle Basis für den Aufstieg seines Hauses.
Lusthaus (Schloss): Es entsprach zunächst nur einer nach Hannover versetzten Villa suburbana:
- ein balbkreisförmiger palladianischer Vorhof mit Nischen (gedacht für Statuen)
- eine Mittelachse,
- das Schloss als ein hervorgehobenes Hauptgebäude (Corps de logis),
- die flachen Seitenflügel mit ihren Balustraden (als Altane, um das Parterre von oben
übersehen zu können, = vom Boden an unterbaute Terrassen, in Venedig gab es nur
Ebenengärten).
(Bis 1705 bestimmten venezianische Baumeister das Geschehen in Hannover. Alle Bauten
standen unter italienischem Einfluss).
Garten:
1. Bauphase (ab 1666):
- Noch stark der Renaissance verhaftet,
- Ein bescheidener, quadratischer Lustgarten. Seine Größe entsprach etwa
dem heutigen Parterre.
- Nur ein Parterre mit sechszehn Beeten, deren Ecken von Kleinplastiken
betont werden.
2. Bauphase (ab 1674):
- Neugestaltung des Parterres (seine Teilung durch eine Mittelachse durch
Henri Perronet),
- 1776: Schaffung der Großen Kaskade (Haute Cascade) und der Grotte, die
das ehemalige Schloss flankierten.
erste Bosketts und Obstpflanzungen.
Venezianische Merkmale des Gartens:
- die Art seiner Betrachtung von den Seitentrakten aus,
- eine allseitige Symmetrie (im Barock dagegen eine einseitige Symmetrie
mit rechteckigen Kompartimenten),
- Gliederung des Parterres durch Wasserbecken und Statuen in
den Schnittachsen der Wege,
- viele Kleinplastiken und Laubengänge,
- kleine, von Balustraden gefasste Bassins.
- 1674-1714: Herrenhausen wird zum künstlerischen Ausdruck des
Fürstentums Hannover (ursprünglich des Herzogtums Callenberg mit der
Residenz Hannover). Nach dem Tod Johann Friedrichs macht sein Bruder
und Erbe Ernst August (1679-1698) den hannoverschen Hof zu einem der
prunkvollsten in Deutschland. Er selber hält sich oft und lange in Venedig auf
(z.B. 1685 = 9 Monate, 1686 = 8 Monate) und gibt dort für seine Feste
ungeheure Summen aus (verkauft u.a. seine Regimenter an die Stadt Venedig,
um dort standesgemäss Karneval feiern zu können). Durch ihn wird das
bisherige Herzogtum 1692 ein Kurfürstentum. Seine Gemahlin Sophie,
Tochter des Winterkönigs Kurfürst Friedrich von der Pfalz und der Schwester des
englischen Königs gelingt es, einen Kreis bedeutender Persönlichkeiten
um sich zu sammeln (u.a. Leibniz und Händel). Sie ist es, für die der
Große Garten zum Lebensinhalt wird und durch die er seinen Inhalt und
seine Form bekommt.
Kurfürstin Sophie:
1630 in Holland geboren,
1658 Heirat von Ernst August, dem jüngsten (und vierten) Sohn
des Herzogs von Callenberg,
1659-63 Lieselotte v.d. Pfalz lebt bei ihrer Tante in Hannover
(später Schwägerin Ludwig XIV),
1664-65 Italienreise: Venedig, Rom (besucht dort viele
Gärten),
1679 Fahrt nach Frankreich. Besucht dort u.a. ihre Nichte. Sieht
Versailles sehr kritisch: Die Natur gehe ihr darin zu stark
unter. Der Garten sei zu wenig intim, zu künstlich und zu
weitläufig.
1798 Herrenhausen wird Witwensitz und ein Musenhof (u.a.
Leibniz und ab 1710 Händel),
1714 Tod der Kurfürstin im östlichen Kabinett (heute Standort
des Denkmals von F.W. Engelhard von 1878; eine zweite
Skulptur von ihr aus dem Jahre 1690 steht im
Königsbusch, geschaffen von Arnold Rossfeld):
Sie war 50 Jahre alt, als sie nach Herrenhausen kam und 84
als sie dort starb.
Schloss (holländische Anregungen):
- Die Flügelenden werden als Fassaden ausgebildet (wie in Het
Loo).
- Sie werden durch ein Gitter zum Garten geschlossen (wie in
Honslaerdijk).
- Sie öffnen sich zum Garten (im Gegensatz zu sonstigen
vergleichbaren Anlagen in Deutschland).
Garten: Mit der Wahl Herrenhausens zur Sommerresidenz kamen auf seine
Einrichtungen immer mehr Repräsentationsaufgaben zu. Sie erfuhren eine
Steigerung durch die Erwartung der Kurwürde und die Anwartschaft auf den
englischen Thron (Sophies Mutter war die englische Prinzessin Elisabeth Stuart
gewesen). Durch die Erziehung der Herzogin in Holland bekommt der Garten
ab 1682 zunehmend eine holländische Ausrichtung. Vorbild werden die
oranischen Residenzen in Nieuwburg, Honslaerdijk, Het Loo.
Merkmale holländischer Gärten u.a.:
- Weiterentwicklung der achsial-symmetrischen Ausrichtung in der Tradition
Boboli-Luxembourgs,
- An die Stelle des geometrischen Renaissanceparterres kamen Broderien (an
Spitzen erinnernde Ornamente. In Holland bekannt gemacht durch einen
Sohn Mollets).
- Sie waren Ebenen-Gärten, rechteckig, von Wasser umgeben und durch Alleen
in rechteckige Felder aufgeteilt.
- Vor dem Schloss (dies war oft tief in den Garten einbezogen) ein Vorhof und
seitlich ein Privatgarten (z.B. als Blumengarten).
(Diese Gärten hatten eine klaren Grundriss und entsprachen damit einer
kalvinistischen Geisteshaltung, - beeinflusst von einem älteren humanistischen
Gedankengut).
3. Bauphase (ab 1680, = entscheidender Bauabschnitt):
- Das Vorhandenen wurde reicher ausgestaltet (zusätzliche Skulpturen und
Ausbau des Bosketts).
- 1689/93 - Entstehung des Gartentheaters, der Kleinen Kaskade und des
Königsbusches.
- 1694/96 - Bau der Galerie (Zunächst als Winterquartier für die
Kübelpflanzen vorgesehen, dann aber als Festgebäude ausgebaut, da im
Schloss entsprechende festliche Räume fehlten). Ihr wurde auf der Südseite
ein Parterre à oranges (1695) zugeordnet.
Der verantwortliche Gärtner war Martin Charbonnier:
- Herkunft unbekannt,
- ab 1677 im Dienst der späteren Kurfürstin Sophie (legte für sie zunächst den
Garten der fürstbischöflichen Residenz in Osnabrück an),
- 16821717 Gartenmeister in Herrenhausen (1707 Pensionierung, Übernahme
seines Amtes durch seinen Sohn Ernst August Charbonnier),
- 1720 Tod.
Durch Charbonnier erreichte der Garten seine heutige, ungewöhnlich
geometrische Strenge, Form und Größe. Er orientierte sich in seiner Arbeit an
holländischen Vorbildern. (Er war dafür extra nach Holland geschickt
worden). Kennzeichnend für seine Arbeit ist sein Verzicht auf eine Steigerung
der Tiefendimension in die Landschaft, dafür aber eine Konzentration auf das
Spiel der Proportionen und Perspektiven im Innern des Gartens. Nach außen
riegelte er den Garten durch Graften und Alleen ab. Von Daniel Marot in Het
Loo übernahm er die rechteckigen Parterrestücke und die Bepflanzung "en
Broderie".
4. Bauphase (ab 1696, bis etwa 1710):
Erweiterung des Gartens auf seine heutige Größe und Umgestaltung vieler bisheriger
Gartenteile. Als Berater wurde ein Gärtner des englischen Königs herangezogen. Charbonnier
wurde vorher zu Studienzwecken nach Holland geschickt und ein "holländischer" Gärtner
ihm zur Seite gestellt:
- An die Stelle des alten Lustgartens trat das Große Parterre mit seinen acht
Rechteckfeldern.
- An der Südseite erfolgte eine Begrenzung durch vier quadratische Teiche.
- Im Anschluss daran kam ein Boskett-Garten, der "Nouveau Jardin",
durchzogen von einem sternförmigen Wegesystem und der "Großen Fontäne" in der Mitte.
- Umgeben wurde der Garten von einer Graft (Kanal) und einer innenseitigen, dreireihigen Allee.
- Im Parterre und den Kabinetten standen Skulpturen. (Über eine Beteiligung
Le Nôtres an den Planungen ist nichts bekannt. Sie ist auch
unwahrscheinlich, denn sowohl die Kurfürstin wie auch ihre Nichte
Lieselotte von der Pfalz, die beide täglich miteinander korrespondierten,
hielten von Versailles wenig).
- 1696-98 - Bau der Kabinette als Abschluss der Kaskaden- und der
Grottenachse (offene Fachwerkhallen, nach Entwürfen von Tommaso
Giusti!),
- 1700-06 - Große Fontäne und vier kleinere in der Südhälfte (angelegt von Pierre
la Croix. Sie funktionierten aber erst ab 1720).
- 1707-08 - Aufstellung des Skulpturenschmuckes (u.a. die 4 Entführungsgruppen
von Antonio Laghis, die 8 Vasen von Christian Vickens und die 20 Eckskkulpturen
in den Parterrestücken; 1693 wurden wahrscheinlich mehrere der letzteren von Celle
nach Herrenhausen gebracht).
- 1708-09 - Errichtung zweier Pavillons an den südlichen Eckpunkten
(entworfen von Louis Rémy de la Fosse, französischer Architekt des
Spätbarocks, von 1705-1714 in hannoverschen Diensten. Durch ihn endete
der Einfluss der italienischen Baukunst in Hannover).
1714 Kurfürst Georg Ludwig verlässt Hannover um als Georg 1. den englischen Thron zu besteigen. Er
kümmert sich weiter um Herrenhausen.
1720 englische Techniker realisieren die Große Fontäne,
1723 Bau der Orangerie (nördlich der Galerie, heute Ausstellungsraum),
1726-27 Anlage der Herrenhäuser Allee (2 km lange Allee mit 1300 Linden, vierreihig; der
Mittelweg mit Kies abgedeckt für Wagen, Seitenwege für Fußgänger und Reiter. Diese
Allee war nur dem Hof vorbehalten. Der allgemeine Verkehr lief über eine südliche Straße.
Eine erste Allee wurde bereits 1692/94 als Verbindungsstraße vom Leineschloss nach
Herrenhausen angelegt. Dafür wurde ein Sandrücken aus der Eiszeit abgetragen. Sie war
mit Pappeln bepflanzt gewesen).
1727 Nach dem Tod Georg 1. versinkt Herrenhausen über hundert Jahre in einen Domröschenschlaf. In
der Regierungszeit Georg III. beginnen Schloss und Garten langsam zu verfallen. Er hat in seiner 60
-jährigen Regierungszeit Hannover kein einziges Mal besucht. Die allgemeine Umgestaltung der damaligen
Barockgärten in Landschaftsparks ging deshalb an diesem Garten vorbei. So blieb er in seiner
Grundkonzeption vollständig erhalten.
Ab 1820 Klassische Vorbauten am Schloss durch Georg Ludwig Laves. Es brachte es in seine letzte
Form: Erhöhung des Hauptgebäudes um den Architrav und Senkung der Seitenflügel um ein halbes
Geschoss. Dadurch wurde das Gesamtgebäude bescheidener und ordnete sich dem Garten unter.
(Damit beginnt hier die Zeit des romantischen Klassizismus. Bei den Überlegungen um einen
notwendigen Wiederaufbau des Schlosses als Bezugspunkt für den Garten geht es immer um das
Laves-Gebäude).
Laves (1789 - 1864):
- Neffe und Schüler von Jussow,
- 1. Bau: die Bibliothek im Berggarten (Hier als Point de vue der Herrenhäuser Allee,
noch als Rokokobau),
- von ihm auch die
- Orangerie im klassizistischem Stil,
- Friederikenbrücke (damit Öffnung des Gartens nach Osten zum Georgengarten.
Erster Eingriff in die ehemalige reine Barockstruktur).
Laves hatte die Vorstellung von einem "klassischen" Hannover, beginnend mit dem
Leineschloss (Stadtzentrum und endend in Herrenhausen. Er versuchte mit Mitteln der
Architektur die Landschaft zu heroisieren, zu der er auch die Gärten zählte.
Ab 1845 1. Restaurierung des Gartens nach alten Plänen. Seine Instandsetzung durch Ludorph
Wendland. Vorangegangen war die Aufhebung der Personalunion mit England (nach
der hannoverschen Thronfolgeordnung war keine weibliche Nachfolge möglich. In
England begann die Regierungszeit der Königin Viktoria). Seit 1837 war Ernst
August 11. König von Hannover.
1845 - Renovierung der Pavillons,
1848 - Renovierung und Erneuerung der Skulpturen,
bis 1849 - Wiederherstellung des Gartens:
- Erneuerung des Parterres nach Stichen von Sasse,
- Wiederherstellung der Theaterhecken.
1866 Sturz des Welfenhauses. Hannover wird preußische Provinz. Der Garten bleibt im Besitz der
Welfen, verliert aber seine frühere repräsentativen Aufgaben. Dadurch erneuter
Verfall.
1926 Heimatfest anlässlich des 200-jährigen Bestehens der Herrenhäuser Allee. Die Bevölkerung
verlangt die Wiederherstellung des Großen Gartens in seinen ursprünglichen
Zustand.
1936 Der Garten geht in den städtischen Besitz über.
2. durchgreifende Renovierung (nicht nur positive; dabei wurden das Grundkonzept und die
Gartenräurne zwar nicht verändert, wohl aber erfolgten Nutzungs- und
Geschmacksanpassungen). Diese Schritte sind auch als Teil der damaligen
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu sehen (u.a. 80.000 qm Fusswege, 15.000 lfdm
Hecken. Es waren ca. 350.000 Pflanzen einzubringen):
- Ergänzung und Schnitt der Hecken,
- Instandsetzung der Bauten,
- Wiederherstellung des Parterres nach Vorlagen aus dem Buch "La Theorie et la
Pratique du Jardinage" von A.J.D'Argenville (die alten
Ausführungszeichnungen waren verlorengegangen).
- Errichtung einer Aussichtsterrasse als Gegenstück zum Gartentheater (nach
holländischen Vorbildern, z.B. in Het Loo; architektonisch stellen sie allerdings
einen Fremdkörper dar),
- Erhöhung der Fischteiche auf das Niveau des Luststückes. Einfassung und
Belebung durch Reihen von Springstrahlen.
- Umgestaltung des Königsbusches (Abbruch der Spielhalle der Prinzen,
Aufstellung der Salzdahlumer Vasen),
- Wiederherstellung des Theaters unter Berücksichtigung neuerer
bühnentechnischer Erfordernisse (Absenkung des Theaterplatzes vor der
Bühne, Restaurierung der vergoldeten Skulpturen, Vereinigung von Bühne und
Zuschauerraum zu einer räumlichen Einheit).
- Errichtung von Sondergärten in den Heckenquartieren (südlich der
Wasserteiche, der Wasserparterres). Sie zeigen die Entwicklung der
Gartenkunst von der Renaissance bis zum Ende des architektonischen Gartens.
- Anlage des Irrgartens nach einem Plan von 1674.
- Abriss der Kabinette ("Angeblich wegen Baufälligkeit, nach anderer Version
aus geschmäcklerischen Gründen" (Alvensleben/Reuther), dadurch fehlen heute
der Grotte und der Kaskade das architektonische Gegenüber. Der erste Entwurf
stammte von Giusti, dem Schöpfer des Freskenzyklus).
- Austausch der früheren Obstgehölze in den Triangeln gegen Waldbäume.
Dadurch wurde die Stilreinheit dieses Gartens entscheidend verfälscht.
(In der Literatur wurde er von den Nationalsozialisten gerne als Musterbeispiel eines
"deutschen Barockgartens" hingestellt, als Gegensatz zu den angeblich französisch beeinflussten
süddeutschen Gärten:
"Herrenhausen gilt nunmehr als der deutsche Garten der Barockzeit, der in der
Festlichkeit seines Gesamtbildes, in der Strenge und Einfachheit seiner Bauten, in der
eindrucksvollen Gestalt seines großen Luststückes, dem raumbetonenden Reiz seiner
Baumwände und der liebevollen Gestaltung der Heckengärten durchaus deutschem
Wesen entspricht" (Gartendirektor H. Wernicke, 1937)).
1943 Zerstörung großer Gartenteile und des Schlosses. In der Nacht vom 18. zum 19. Oktober
gingen auf die Fläche des Großen Gartens 2.300 (!) Bomben nieder. Übrig blieben nur die
ausgelagerte Teile und die Freitreppe des Schlosses.
Nachkriegszeit: Das Parterre wird zu einer Gemüseanbaufläche, die Herrenhäuser Allee zur
Abstellfläche für 18.000 englische Militärfahrzeuge (dadurch starke
Bodenverunreinigungen).
1958-66 3. große Restaurierung zur 300-Jahr-Feier durch Karl Heinz Meyer (Beseitigung der
Kriegs- und Nachkriegsschäden). Der Park wurde dadurch für die Stadt wieder zu
einem kulturellen Zentrum. U.a.:
- Rekonstruktion des Orangeparterres nach Stichen von Sasse (als "geschachzabelter" Garten)
- Neuvergoldung der Theaterskulpturen,
- freie Kopien im Inselgarten anstelle der zerstörten Salzdahlumer Vasen,
- eine Merkurfigur im Rokokogarten (Kopie einer Figur von Tietz
in Veitshöchheim, 1765/66) anstelle eines römischen Kriegers.
- Pflanzung der Lindenstücke beidseitig der Schwanenteiche ("Sie verstellen die
wirkliche Tiefe des Parterres nach Süden hin, das im Sinne des Urhebers doch
erst am Bewuchs des "jardin nouveau" endet" - Friedrich Lindau).
Durch die Diskussion um den Wiederaufbau des Schlosses und die damit verbundene Unsicherheit wurden auch
die seitlichen Quartiere am Schloss vernachlässigt, d.h. auf der einen Seite der ehemalige Blumengarten
(Fürstengarten) und auf der anderen das Feigen- und Apfelstück. Ein Gutachterausschuss (1991-92)entschied,
dass deren Rekonstruktion nicht sinnvoll sei, da beide Gärten heute als abgeschlossene Räume erlebt würden.
Man sprach sich für eine völlige Neugestaltung in einer modernen Formensprache aus. Unter Beibehaltung des
historischen Raumgefüges erfolgte eine nicht geglückte Neugestaltung zur Expo 2000. Für die Ausgestaltung der
Grotte konnte man Niki de Saint-Phalle gewinnen, die hier ihre letzte Arbeit verwirklichte.
Heute ist der Große Garten ein einmaliges Schmuckstück der europäischen Gartenkunst. Ein Garten zum Feiern
von Festen für vornehm gekleidete Menschen, die mit ihren prächtigen Kleidern Farbe in ihn hineinbringen
sollten, ein Garten für Feuerwerke und Barockmusik. Hier war es, wo Händel zuerst die italienische und
französische Musik in seinen großen Werken verschmolz. Dabei entspricht seine heutige Bepflanzung aus der
Sicht der Denkmalpflege mit ihren aufdringlichen Farben nicht den Idealvorstellungen des Barocks. Verlangt
wurden damals unaufdringliche Flächen, die als Ganzes wirken sollten. Von daher wären hier dezente Farben
vorzuziehen. Es war der Mensch selber, der die Farbe in diese Gärten bringen sollte.
Allgemeine Aussagen über die Struktur des Gartens
Der Große Garten ist heute das beste erhaltene Beispiel für einen Garten im Stil des holländischen Barocks in Deutschland.
Während man in Frankreich die Längsrichtung betonte und Le Nôtre den Kanal von außen in die Mitte des
Gartens verlegte und zum wichtigsten Gestaltungselement seiner Gartenräume machte, blieb man in Holland
stärker den eigenen Traditionen verhaftet. Der Garten betonte hier optisch die Breite (besonders im Parterre und
durch die Betonung der Querwege) und grenzte sich nach außen durch einen Kanal und Alleen ab. Er war nach
innen gerichtet und vermittelte damit ein völlig anderes Raumgefühl. Seine Kompartimente (Abteilungen,
Felder) ordneten sich nicht der zentralen Hauptachse unter.
Der Gesamtgarten in Herrenhausen besteht aus zwei quadratischen, fast gleich großen Hälften, die zeitlich
nacheinander verschieden gestaltet wurden:
- In der Nordhälfte
übernimmt Charbonnier das alte Parterre. Die Fontäne bleibt ihr Mittelpunkt. Fischteiche
schließen es im Süden ab. Östlich vom Schloss befanden sich ein Blumenparterre als Jardin
secrèt und ein Laubengang zur Galerie. Vor letzterer befand sich auf der Südseite der
Orangeriegarten. Auf der Westseite des Schlosses war zunächst der Feigengarten mit seinen
Spalierwänden und dahinter ein ummauerter Nutzgarten (für den Melonen- und Fruchtanbau,
später "Apfelstück" genannt, heute Werkhof).
Neben dem Parterre auf der Ostseite befand sich das Gartentheater mit dem Königsbusch und
auf der Westseite zwei Kompartimente (später als "Spargelbusch" bezeichnet), zwei
Heckenquartiere, einmal mit einem runden und das andere Mal mit einem quadratischem
Zentralmotiv (heute Labyrinth und ein Probentheater). Seitlich neben den Fischteichen
befinden sich Lindenstücke aus neuerer Zeit und dahinter die acht Sondergärten und die
beiden seitlichen Boskettgärten.
- Der Südhälfte
(Nouveau Jardin) liegt ein einheitlicher Plan zugrunde. Das Quadrat wird durch Alleen
gevierteilt und jedes dieser Vierecke durch ein Wegekreuz und Diagonalwege noch einmal in
acht Dreiecke (Triangeln) aufgeteilt. Im Zentrum dieser Hälfte steht die "Große Fontäne". Vier
kleinere befinden sich in der Mitte der einzelnen Quadrate. An den südlichen Gartenecken
stehen jeweils ein Pavillon als "Point de vue". Vier der Triangeln waren als "Bosquets"
gestaltet, die restlichen mit Obstbäumen bepflanzt. An den Enden der Mittelachse befinden sich
drei Halbmonde (demi-lune). Der nördliche, zum Parterre hin, war an jeder Seite von einem
Kabinett flankiert (Im östlichen starb die Kurfürstin. An dieser Stelle steht heute ihr Denkmal).
Sie wurden durch eine einfache Baumreihe betont, der "Vollmond" auf der Südseite durch eine
doppelte Baumreihe.
Das volle Erfahren dieses Gartens setzt die Kenntnis seines Grundrisses voraus. Allein durch das Erwandern
behält er etwas Abstraktes. Allein aus der Gesamtübersicht öffnet sich sein geistiger Gehalt. Man darf einen
Garten künstlerisch nicht allein nach seinem zum Ausdruck gekommenen Raumgefühl bewerten, weil man ihn
sonst allein auf die Sichtweise (Kriterien) eines Le Nôtre (architektonische Garten) oder eines Browns
(Landschaftsgarten) einschränkt. Besonders in seiner neueren Beleuchtung übertrifft er heute alle früheren
Möglichkeiten der Illumination (besonders im Bereich der Wasserspiele, der Skulpturen, Gebäude, Heckenwände
und Baumgruppen.
Völlig unklar ist der Anteil von Leibniz an der Konzeption dieses Gartens. Er kann wahrscheinlich nicht hoch genug
angesetzt werden. Zum einen lassen es der rege Gedankenaustausch mit der Kurfürstin und zum anderen sein großes
Interesse für architektonische Fragen vermuten (seine Beziehung zu Claude Perrault, dem Erbauer des Ostflügels des
Louvres, seine Urheberschaft an der Wolfenbütteler Bibliothek, seine engen Kontakte zu Bernhard Fischer von Erlau).
Er wurde sogar von seiner früheren Schülerin, der preußischen Königin Charlotte mit dem Ausbau ihres Sommerhauses
zu einem Schloss beauftragt (später, 1701 beteiligte er den hannoverschen Baudirektor Quirini an diesen Planungen).
Dies würde auch den stark mathemathischen Strukturaufbau dieses Gartens erklären. Für ihn war die Zahlenwelt ein
Spiegel der Schöpfung, der "Ursprung der Dinge aus Gott". Einen großen Teil seiner Überlegungen verwandte er darauf,
Gott aus seinen Wunderwerken zu erkennen, über eine sinnliche Erkenntnis zu fundamentalen Einsichten zu gelangen.
Die Geometrie und das "Theater der Natur und Kunst" (= anschauliche Objektsammlungen zum Gewinn von
Erkenntnissen, u.a. eine Voraussetzung seiner Akademieplanungen) waren Hilfsmittel dazu, Gärten darin, Rahmen in
einer Landschaft, die die wahre Welt darstellten. Von seinen Überlegungen für Herrenhausen (1696) sind nur seine
Planungen für ein Wasserhebewerk bekannt. Noch fehlt eine Durchsicht seiner riesigen Handschriftenmenge in Bezug
auf den Herrenhauser und evtl. auch den Charlottenburger Garten. Seine engen Beziehungen zur Königin und seine
Überlegungen zu den Kunstkammern des Berliner Schlosses lassen ihn vermuten. Eine Ausgestaltung der neu
rekonstruierten Grotte als Mineralien- und Muschelkammer im Sinne Leibniz wäre vielleicht geschichtsbewußter
gewesen, als ihre Neugestaltung durch Niki de Saint-Phalle (so schön diese auch ist).
Rundgang durch den Garten
(Der Rundgang folgt einer allgemeinen Empfehlung des Verkehrsvereins Hannover. Ausgegangen wird vom
Parkplatz zwischen dem Georgen- und dem Großen Garten).
- Gebotstafel am Prinzentor (von 1777):
("Jedermann ist erlaubt sich im königlichen Garten eine Veränderung zu machen
gemeinen Leuten wird jedoch bey leibes strafe verboten:
- keine Statuen und andere freistehende Sachen zu beschädigen
- nicht nach den Schwänen zu werfen oder solche auf ihren brüte teichen zu beunruhigen
- keine hunde mit in den garten zu nehmen
- die nachtigallen weder zu fangen noch zu stören
- sich der bänke bei der großen fontäne nur dann zu bedienen, wenn solche für
standespersonen oder vornehme fremde nicht nöhtig fallen,
- der angestelleten wache, so mit dem Zeichen K. an der brust versehen, nicht zu trotzen").
(Seitlich an einem Nebeneingang. Früher ernst gemeint, dürften die Ermahnungen heute nur noch belustigend wirken).
- Galerie (links beim Durchgang zwischen den beiden Gebäuden):
Ursprünglich als Orangerie geplant, aber noch als Rohbau für Festveranstaltungen
umfunktioniert, da im Schloss größere Räume fehlten. Im Mittelbau befindet sich ein prächtiger
Saal und in den Flügelbauten Wohnräume (Die der Kurfürstin Sophie befanden sich im
Westflügel: ein Spiegelkabinen als Schlafzimmer, das heutige Leibnizzimmer als Wohnraum
und ein Zwischenraum; die des Kronprinzen im Ostflügel). Der Festsaal besitzt den
bedeutendsten Freskenzyklus des Barocks in Norddeutschland (von Tommaso Giusti) und
vierzehn römische Kaiserbüsten aus der Renaissance. Früher nutzte man ihn für Festlichkeiten,
Banketts, Theateraufführungen und als Bewegungsmöglichkeit bei schlechtem Wetter (deshalb
auch "Spaziersaal der Franzosen" genannt). Heute dient er für repräsentative Veranstaltungen
und Musikaufführungen.
Bauzeit 1694-1700. Französisch beeinflusst sind das Mansardendach (erste in Herrenhausen)
und die seitlichen Flügel (als Pavillons errichtet). Man vermutet, dass dieses Gebäude nur als
Flügel einer größeren Schlossanlage zu gedacht war , mit einem prächtigen Schlossneubau in der
Mitte und einer Wiederholung auf der anderen Seite. Der Fortzug des Hofes nach England hat
dann diese Überlegungen beendet. Die Schlossanlage hätte dann die ganze Breite des Gartens
gefüllt. Heute ist die Galerie das architektonisch wertvollste Gebäude, das nach den
Kriegszerstörungen im Garten übrig geblieben ist.
- Orangerie (von 1720 - 23):
Parallelbau zur Galerie. Diente bis 1969 zum Überwintern der vielen Kübelpflanzen (1720 über
600 Pflanzen). Vorher standen sie im Festsaal der Galerie (deshalb "Orangeriesaal"). Heute
ist sie Ausstellungsgebäude. Die Pflanzen stehen jetzt in einem Gewächshaus.
- Foyer (von 1966):
Von Arne Jacobsen für Musikaufführungen in der Galerie an deren Schmalseite errichtet
(in der Flucht der gusseisernen Kaskaden: 1841 von Laves für das Schloss Monbrillant
entworfen und 1862 nach hier gebracht).
- Ehrenhof:
Das Schloss stand vor seiner Zerstörung im Krieg (1943) zwischen dem Ehrenhof und dem
Großen Garten. Es lag in einer Achse Mausoleum (Berggarten) - Schloss - Hauptachse des
Gartens. Der halbkreisförmige Ehrenhof war früher der Vorplatz des Schlosses. In seinen
Mauernischen sollten früher Statuen aufgestellt werden. Heute fehlt ihm das Schloss als
Bezugsgebäude.
Die Seitenflügel des Schlosses orientierten sich zum Garten hin (im Gegensatz zu anderen
vergleichbaren Anlagen in Deutschland). An ihren Enden befanden sich auf der einen Seite die
"Große Kaskade" und der anderen die "Grotte". Zwischen beiden befand sich ein Gitter, das
den Garten vom eigentlichen Schlossbereich trennte. In seinen Anfängen war das Schloss nur
ein bescheidener Fachwerkbau gewesen, im Laufe der Zeit jedoch allmählich erweitert und
umgebaut worden. 1820-21 erhielt es dann durch Laves sein klassizistisches endgültiges
Aussehen.
- Große Kaskade (evtl. um 1676, noch aus der Zeit Herzog Johann Friedrich, gesichert seit 1689, ältestes
erhaltene Bauwerk im Garten):
Beim Betreten des Gartens links. Errichtet mit Muschelwerk, Mineralien und verschiedenen
Skulpturen. Auf der Brüstung stehen sieben Einzelfiguren:
Merkur (gr. Hermes), Luna (gr. Selene), Mars (gr. Ares), Minerva (gr. Pallas
Athene), Jupiter (gr. Zeus), Vulkan (gr. Hephaistus) und Herkules (gr. Herakles),
(von der linken Treppe aus gesehen),
und zwei Liebespaare:
Mars und Venus (und unbekannt. Als Bildhauer wird Pieter van Enthusen vermutet).
Diese sieben Einzelfiguren wiederholen in ihrem inhaltlichen Kern das Programm des Parterres.
Ihr Stil kommt sonst in Herrenhausen nicht vor. Durch ihre Kleidung verweisen sie auf die
Anfangszeit des Gartens. Wahrscheinlich wurden sie von Jean Anaud Villers geschaffen (er
war 1680/81 in Hannover). Als künstlerisch schönste, aber auch in der Zuordnung unsicherste
gilt der "Vulkan" (Diese Zuordnung trifft nur dann zu, wenn das Nebenpaar Mars und Venus sind.
Es gilt nicht, wenn das Paar Jupiter und Kallistro sind). Für Vulkan spricht der Hinkefuss. Er wird
hier mit einem Tuch in den Händen gezeigt, um es netzartig seiner untreuen Frau überzuwerfen
und sie dadurch vor den Göttern als Ehebrecherin zu entlarven. - Vielleicht als beispielhafte
Darstellung zum Leben am Hofe gedacht.
Das Wasser rinnt aus vier Quellen über jeweils sechs Bleimuscheln in ein Becken. An den
Seiten Flussgötter und in den Nischen Leda und Venus (alle von Pieter von Emthusen).
Im italienischen Barock war die Kaskade eines der bestimmenden Gartenelemente gewesen
(berühmt in der Villa d'Este und der Villa Aldobrandini). Die Herrenhäuser Kaskade folgt
Michelangelos Rampentreppe am Senatorenpalast des Kapitols in Rom. Von ihr hat man einen
großartigen Blick auf das Parterre.
Das südliche Gegenüber am Ende des durch das Parterre führenden Weges war einst ein
Lusthäuschen, ein Kabinett (entsprechend dem früheren Gegenüber der Grotte). Heute steht
dort das 1878 aufgestellte Denkmal der Kurfürstin Sophie.
- Parterre(= "Luststück", der Festsaal dieser Sommerresidenz im Freien):
Es war der Bereich der barocken Prachtentfaltung mit seinen Buchsbaumornamenten, seinen
blühenden Rabatten und weißen Statuen. Es war der Bereich, in dem man gesehen wurde und
sich darstellte (besonders der Fürst). In ihm fand das repräsentative Leben statt. Es war das offene
Gegenstück zum überbauten Festsaal in der Galerie. Es war der Mittelpunkt eines jeden Gartens
im 17.Jh.. Es ist 45.000 qm groß, an drei Seiten von Hecken eingefasst. An der Südseite befindet
sich eine Baumwand hinter vier Wasserbecken mit je zehn Springstrahlern (früher waren
dies Fischteiche). Durch breite Wege wird es in acht Rechteckfelder (33,5 - 63,5 in)
aufgeteilt, in deren Ecken stehen 32 Sandsteinskulpturen stehen.
(Wie im Barock üblich, sind sie des besseren Kontrastes zu den umliegenden
Flächen wegen, weiß gestrichen worden. Sie sollten damit das Aussehen italienischen
Marmors erhalten. Die Farbe bietet auch einen idealen Witterungsschutz).
In der Mitte befindet sich die Glockenfontäne (mit 166 Wasserstrahlen).
Die Fläche wird durch die Skulpturen und die geschnittenen Gehölze gegliedert. Die Farbe
brachten weitgehend die prächtigen Gewänder der Besucher in den Garten. Kennzeichnend für den
Umgang mit Pflanzen im Barock war der Zwang, sich in ein Gesamtbild einordnen zu müssen.
Es gab keine Individualität. Wer auffiel, wurde mit Hilfe der Schere in dieses Bild wieder
zurückgeführt oder beseitigt. In Hannover befindet sich ein Broderieparterre, das sich wie ein
Spitzengewebe über die Kompartimente legt und sie zu einem Gesamtbild vereinigt. Seit
Boyceau ist man von den quadratischen Beeten zu rechteckigen übergegangen (deren Umrisse
Le Nôtre dann später auch noch auflöste).
- Skulpturen im Parterre
In der Regel dienten die Skulpturen im Barock der allegorischen Überhöhung des Fürsten.
Durch die Art ihrer Aufstellung stellten sie eine inhaltliche Aussage. In Hannover ist dieses
ikonographische Programm (wahrscheinlich einst von italienischen Holleuten entworfen, evtl.
auch von Leibniz) nicht mehr erkennbar. Durch die Überführung der Celler Standbilder
(1693-94) treten manche Themen doppelt auf (gegen eine unbeabsichtigte Verdoppelung spricht
der Zeitpunkt der Überführung. Sie erfolgte vor deren späteren Verdoppelung), anderen fehlt
die Fortsetzung, als eine Darstellung der göttlichen Ordnung, der sie bestimmenden Grundstoffe,
Regeln und Triebkräfte. Man muss sie als eine zur Schau gestellte Verkörperung der damaligen
Staatsidee lesen.
Im Parterre, dem repräsentativen Teil des Gartens, befinden sich 32 Skulpturen (20 an den Seiten,
4 Gruppen um die Mittelfontäne und 8 Vasen an den inneren Eckpunkten der geteilten Felder. Ihre
Aufstellung erfolgte überwiegend in den Jahren 1693/94 (= Aufstellung der Statuen aus Celle), 1708
und 1711.
An den vier Ecken des Parterres stehen die vier Erdteile (etwa 2,45 m hoch, nach
Illustrationen von Cesare Ripa (1603) gearbeitet; Bildhauer unbekannt, vermutlich Laghi):
Europa: Mit Helm. Hier als kriegerische Schöne (vielleicht Athene) dargestellt. Auf
dem Schild der Reichsadler als Bekenntnis zum Reich (in einer Zeit der
kriegerischen Auseinandersetzungen mit Ludwig XIV.).
Afrika: Mit einem Elefantenrüssel als Kopfschmuck, leicht gekleidet,
Asien: Mit persischem Königshut, leicht gekleidet,
Amerika: Mit einer Federkrone. Männliche Kontrastfigur zu den schönen Frauenkörpern.
Hier die Federkleidung als Ausdruck des Unzivilisierten.
(Australien war damals noch unbekannt).
An den Kreuzungspunkten der Parterreachsen (seitlich von der heutigen Glockenfontäne)
stehen je vier monumentale Vasen in einer gleichen Grundform:
- die vier Jahreszeiten (Prunkvasen, ca. 2,2 m hoch, mit Kopfmasken am Fuß und
Jahressymbolen an den Wandungen und am Deckel):
Sie stehen hier symbolisch für die Weltordnung. Wegen ihrer
gleichbleibenden Grundstruktur eigneten sich die Vasen als
architektonisches Gliederungselement besonders. Über einem ornamental
gegliedertem Vasenfuß befinden sich gebogene Kanneluren (schmale
Vertiefungen), zwischen denen symbolisch ein Kind, ein Mädchen, ein
Mann und ein Greis für die vier Jahreszeiten stehen. Über den Deckeln
befinden sich dann jeweils die Beziehungszeichen für diese Zeiten
- die Blumengirlanden für den Frühling,
- die Ähren für die Ernte im Sommer,
- der Wein für den Herbst,
- die Kleidung und das Feuer für den Winter.
Auf den Vasen werden so die Jahreszeiten mit den Lebensabschnitten
allegorisch in Beziehung gebracht.
- die vier Elemente (Prunkvasen, ca. 2,3 m hoch, verkörpert durch Götterfiguren):
Hier sind ihnen an den Seiten der Vasen mythologische Götterszenen
zugeordnet:
- zum Wasser Neptun als Wassergott mit einem Dreizack. Aus
dem Deckel strömt eine steinerne Fontäne.
- zur Erde Atlas als Träger des Erdballs,
- zum Feuer Vulkan als Schmied,
- zur Luft Putten mit Musikinstrumenten. Sie verkünden den
Ruhm des Fürsten (verdeutlicht durch das verschlungene GLC
als Monogramm).
(Alle acht Vasen wurden von Christian Vickens 1710-11 geschaffen. Von ihm sind keine
weiteren Arbeiten bekannt. In Hannover gehören sie zu den wichtigsten Barockplastiken.
Sie ähneln in ihren Grundformen den Vasen in der Villa Quirini (Vicenza). Vergleichbare
Stichvorlagen gab es auch von Daniel Marot für Het Loo. Vickens kam aus einer
hannoverschen Architektenfamilie. Die Vasen waren die letzten Skulpturen, die im Luststück
aufgestellt wurden).
Unmittelbar neben der Glockenfontäne, in der Mitte des Luststücks, stehen vier Entführungsszenen
von Antonio Laghi (1707-08). Sie ähneln denen von Lorenzo Matielli (1716) im Wiener
Schwarzenbergpark. Ähnliche Gruppen gab es aber auch in Salzburg (Daria und Mosto), Versailles
(Girardon) und Dresden (Antonio Corradini, 1734). Sie werden heute als Symbole für die vier
Jahreszeiten verstanden:
- (Frühling ?): ein bärtiger Faun reißt ein erschrecktes Mädchen an sich (für einen Satyr
fehlen ihm die Bocksbeine). Vielleicht wird hier der Raub der Sabinerin
durch einen Römer dargestellt.
- ein Satyr (Bocksbeine) ergreift eine Frau, die den Himmel um Hilfe
anfleht. Die Skulptur symbolisiert die irdische Triebwelt.
- Hermes (Flügelhut) raubt eine Frau.
- Apoll (mit Pfeilköcher) verfolgt Daphne. Hier als deren fallendes Kleid
sich in einen Stamm und ihre Haare sich in pflanzliche Konturen
verwandeln. Das Gesicht des Apolls trägt die Züge damaliger Kavaliere.
Frühling Sommer
Winter Herbst
Der gesamte mittlere Querweg wird damit von Symbolen der vier Jahreszeiten und der vier Elemente begleitet
(anstelle der Luft steht hier allerdings links außen eine Juno mit einem Pfau).Diese Statuen wurden vor Vickens
geschaffen. Der Grund für die doppelte Ausführung der Elemente ist unbekannt. Besonders die Erde ist unter ihnen
wegen ihrer Linienführung hervorzuheben: Eine lebenstrotzende Frau mit einem Löwen an ihrer Seite und Blumen
im Haar. Ihre Rückseite zeigt eine vollendete Gestaltungskraft. Die kräftigen Falten des Kleides wirken in einem
offenen Gartenraum bei jedem Licht.
Am Anfang des Mittelweges (an der Sonnenuhr) stehen zwei Herkulesfiguren (von einem Bildhauer) als Wächter
vor dem Zugang zum Schloss, am Ende zwei Vanitasfiguren mit Symbolen der Eitelkeit. Die übrigen Skulpturen
stehen für Inhalte der Lebensfreude und Sinnenlust (Bacchus, Voluptas), des Theaters (Thalia) und der
Vergänglichkeit (Saturn mit Sanduhr). Durch ihren weißen Anstrich beleben die Skulpturen entscheidend das
Parterre. Sie sind neben den Wegen dessen wichtigstes Strukturelement.
Am Rand des Luststückes befindet sich eine Venus Anadyomene (die griechische Göttin Aphrodite, als solche war
sie die Schaumgeborene; in ihrem 2. Namen ist sie "die aus dem Meer auftauchende"; 2,15 m hoch, unbekannter
Bildhauer): Getragen von einem Delphin steht sie hier mit einem Amorknaben formsicher und wunderschön in
ihren Umrissen. Sie ist hier noch ganz dem Mythologischen verhaftet. Im Luststück steht allerdings noch eine
zweite Venus, wahrscheinlich eher entstanden und künstlerisch weniger wertvoll. Vermutlich stammt letztere
mit dem Bacchus und Saturn aus der Celler Skulpturensammlung, die 1693/94 nach Hannover kam und die heute
das Lesen des Herrenhäuser Skulpturenprogramms so erschwert. Da die Doppelungen aber erst nach deren
Aufstellungen in Auftrag gegeben wurden, ist es möglich, dass man heute auch deren richtigen Interpretationsansatz
noch nicht gefunden hat.
- Sonnenuhr:
Sie wurde bereits 1712 aufgestellt und steht vor dem Beginn der mittleren Gartenachse. Ihr
Schutzgitter wurde nach einem Entwurf von Remy de la Fosse angefertigt.
- Grotte:
Sie ist das Gegenstück zur Kaskade und eines der ältesten Bauwerke im Garten (1676 nach
Entwürfen des Grottiers Michael Riggus errichtet). Im Laufe der Zeit wurde sie mehrmals
wegen Materialmangel und dem veränderten Zeitgeschmack verändert. Durch Laves erhielt
sie ihre heutige klassizistische Fassade (1820). Ihre frühere innere Ausstattung in einem
achteckigen Mittelraum und zwei seitlichen Salons mit Muschelwerk und Wasserspielen gab
es schon lang nicht mehr. Durch den Krieg hatte sie stark gelitten. Für die 300-Jahr-Feier war
sie wieder restauriert worden und wird seit 2003 im Innern von Mosaiken der Niki de Saint
Phalle geschmückt. Sie stehen unter dem Thema "Das Leben des Menschen". Dabei symbolisieren
- die Ornamente auf den Säulen im Eingangsbereich die "Spiritualität",
- der Spiegelraum das Thema "Tag und Leben",
(mit Relieffiguren aus allen Schaffensperioden der Künstlerin),
- der blaue Raum mit den tanzenden Frauenfiguren "Nacht und Kosmos".
Um dieses Werk zu schaffen, hat man das Innere der Grotte mit Glasfasergewebe ausgekleidet,
dieses dann in verfestigtem Zustand zerschnitten und nach Frankreich in eine Spezialwerkstatt
gebracht, wo es mosaikartig mit buntem Glas und Spiegeln beklebt wurde. Nach Hannover
wieder zurückgekehrt und erneut an den Wänden befestigt, wurden darauf dann die
Polyesterfiguren geklebt.
Grotten waren in der Renaissance in Italien sehr beliebt (Alberti forderte sie). Sie
verkörperten im Garten das Ungeordnete in den sonst streng architektonisch geordneten
Anlagen. Besonders angenehm empfand man sie als Aufenthaltsraum an warmen Tagen. Ursprünglich
Nachbauten antiker Räume (u.a. die der Casa Aurea Neros), die man mit tatsächlichen Grotten
verwechselte. Geschmückt wurden sie mit Skulpturen, Spiegeln und Wasserscherzen.
Berühmt waren z.B. die Boboli-Grotte in Florenz mit den Sklaven Michelangelos oder die
Thetisgrotte in Versailles als Konzert- und Empfangsraum. Seit dem 16. Jh. verbreitete sie
sich von Augsburg aus besonders in Norddeutschland. Nach Palissy (Frankreich) wurden sie
gerne am Ende einer Achse gebaut. Während der Romantik wurde die architektonisch
gestaltete Grotte von der naturalistischen abgelöst.
- Feigengarten und Apfelstück:
Neben der Grotte, direkt am Schloss befand sich der Feigengarten. Er war das älteste
Nutzgartenquartier im Garten. Um ein günstiges Kleinklima zu erhalten, war er stark von
Mauern unterteilt. Er diente seit dem 19. Jh. hauptsächlich für die Pfirsich- und
Aprikosentreiberei in Erdgewächshausern (erste Fruchternte ab April!). Er wurde im zweiten
Weltkrieg völlig zerstört. Im Bereich der ehemaligen Schlossküche steht heute ein mit wenig
Einfühlungsvermögen errichtetes, neues Gartenrestaurant.
Das Apfelstück befand sich hinter dem Feigengarten und beinhaltet heute einen Werkhof
- Achteckige Irrgarten:
Umgeben von einem breiten Kiesweg von dem in den Ecken Zugänge zu vier Bosketträumen
abzweigen. Er wurde 1937 nach einem Plan von 1674 neu geschaffen (wahrscheinlich von Henry
Perronet). In der Mitte befindet sich ein Holztempel, der früher als Voliere diente. Die
Gesamtlänge der Hecken beträgt 500 m, der kürzeste Weg ins Innere beträgt 15 m. In der
Renaissance und im Barock war ein Irrgarten ein beliebtes Gartenelement.
- Aussichtsterrasse:
Sie sollte architektonisch ein Gegenstück zum gegenüberliegenden Gartentheater sein. Von hier
hat man einen schönen Überblick über das Parterre. Sie wurde allerdings erst 1937 nach alten
holländischen Vorbildern angelegt. Im Rahmen der Gesamtarchitektur ist sie daher eher ein störender
Fremdkörper. Zur Graft hin befindet sich eine Probebühne für die Einstudierungen des
Theaters.
- Lindenstück:
Am Ende der Terrasse beginnt ein 7-reihiges Lindenstück (auf der gegenüber liegenden Seite
6-reihig). Es besteht aus acht Meter hohen, kastenförmig geschnittenen Lindenreihen. Die
beiden Stücke wurden erst nach dem 2. Weltkrieg angelegt und engen das Parterre räumlich
stark ein.
- Schwanenteiche (und Wasserspiele):
Früher (ab 1697) vier tiefergelegene, vom Grundwasser gespeiste, quadratische
Karpfenteiche auf denen auch Schwäne und Enten lebten (Die Kürfürstin Sophie ließ für sie
kleine Häuschen bauen). Sie erinnern stark an Vorbilder der Villa d'Este. 1936-37 wurden
sie auf das Parterre-Niveau angehoben und erhielten eine Steinfassung. Belebt wurden sie
doppelreihig durch jeweils zweimal fünf kleine Wasserspiele je Becken. Die Schwanenteiche
schließen das Parterre ab und bilden dort eine Ruhezone.
- Kleine Kaskade (1692 von J.Friedrich de Münter fertiggestellt):
Sie befindet sich an der Rückseite des Gartentheaters. Aus drei Rückwandnischen fließt
Wasser. Unter den seitlichen Treppenaufgängen befinden sich Tritonen (Meerdämonen mit
Fischunterleibern) aus deren Hörnern früher der Beginn der Wasserspiele angekündigt wurde
(durch die verdrängte Luft aus den Röhren zur Großen Fontäne). Auf den Balustraden
standen früher Skulpturen.
- Boskettgärten:
Seit dem Barock waren sie sehr beliebt, da die kleinen Intimräume vertraute
Zusammenkünfte und Liebeleien erlaubten. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die
kleinen Wasserbecken mit ihren leicht plätscherndem Springstrahl. Die hölzernen
Säulentempel wurden 1937 nach holländischen Vorbildern errichtet.
- Heckenräume:
An der Südseite des Parterres, zwischen den Boskettanlagen befinden sich acht Sondergärten,
die erst 1937 angelegt worden sind und in Beispielen eine Geschichte des architektonischen
Gartens zeigen sollen (die vorderen vier sind bis zur Mittelachse historisch-stilistisch
orientiert, während die hinteren historisch-thematischen Inhalten folgen):
- Niederdeutsche Blumengarten (rechts vom Weg):
Hier als Beispiel für einen idealisierten
Garten der Frührenaissance nach holländischen Vorbildern. In der Mitte steht eine
Sonnengöttin "Veritas" als Allegorie der Wahrheit (geschaffen um 1730 von J.h.
Ewersmann). Sie kam erst 1915 aus einem Privatgarten nach Herrenhausen und
stammt wahrscheinlich aus Salzdahlum. Als Weltenherrscherin steht sie auf einer
Weltkugel, mit einem Buch als Symbol der Erkenntnis, einem Palmenzweig als
Friedenszeichen und dem Sonnenemblem in der rechten Hand. Wegen der
detailreichen Ausarbeitung wird angenommen, dass sie einst für einem intimeren
Raum gearbeitet worden war (wie der Marsyas im Renaissancegarten). Die mit
Buchsbaum eingefassten, rechteckigen Beete sind üppig mit Blumenzwiebeln
und Einjahresblumen bepflanzt. Belebt werden sie durch geschnittene, immergrüne
Gehölze (Tropiary). Die Pflanzung sollte hier ursprünglich überwiegend aus
duftenden Pflanzen bestehen
- Renaissancegarten (links vom Weg, gegenüber dem "Niederländischem Garten"):
Mit vier Knotenbeeten nach Vorbildern aus dem Hortus Palatinus ( dort um 1620
angelegt, bedeutendster deutscher Garten des Manierismus in Heidelberg). Ein
Kreuzweg teilt den Garten auf klassische Weise in vier Quadrate. In der Mitte steht
eine Skulptur mit einem bestraften Marsyas (Er unterlag Apoll in einem Wettstreit).
Diese Skulptur kam erst 1936 nach Herrenhausen. Wahrscheinlich wurde sie von dem
gleichen unbekannten Bildhauer wie die Sonnengöttin im Niederdeutschen
Blumengarten geschaffen und stammt auch aus Salzdahlum. Der an einen Baumstamm
gefesselte Satyr wartet auf seine Bestrafung durch Apoll. Die Skulptur steht als
Symbol dafür, dass man sich als Mensch nicht mit den Göttern messen soll. Das
Kreuzbandmotiv der Bepflanzung ist sehr alt und war besonders als Dekorationsmittel in der
islamischen Kunst beliebt. Im Rahmen der Parterreentwicklung und der zunehmenden
dekorativen Aufwertung seiner Kompartimente bildeten die Knotenparterres (in
Hampton Court, England seit 1530) die Vorstufe zu den Broderieparterres. Die Muster
werden von Buchsbaumhecken gefasst und mit farbigem Kies von einander abgehoben.
- Barockgarten ( links am Weg):
Das Parterre ist abgesenkt und hat in der Mitte ein Wasserbecken mit einem zarten
Strahlenspiel. Die Muster folgen französischen Vorbildern. Die quadratischen Beete
sind aufgehoben. Auf die Beete wurden arabeskenartige Muster übertragen (hier
abgeleitet von einer Lyra. Vergleichen Sie damit auch das barocke Ornament im
letzten dieser Gärten, dem Inselgarten, das einem Entwurf Le Nôtres folgt).
- Rokokogarten (rechts am Weg, gegenüber dem Barockgarten):
Die Ornamente sind schlichter als im Barock und befinden sich unmittelbar in
einem Rasenparterre. Die gesamte Linienfahrung ist leicht geschwungen. Die
Mittelplastik stellt Merkur dar und ist eine Kopie aus Veitshöchheim.
(Auf der anderen Seite der Mittelachse die thematischen Sondergärten).
- Niederländische Rosengarten (rechts vom Weg):
Er soll einen "Liebesgarten" aus der Zeit um 1500 darstellen. Eingefasst von
niedrigem Lattenwerk, dass sich in den Ecken zu Rosenlauben weiterentwickelt. In
den Lauben stelle man sich Musikanten vor, während sich die Liebenden "unter
Rosen" ergingen. Der Garten wird durch Kieswege gegliedert. Die buchsgefassten
Beete sind mit Busch- und Stammrosen bepflanzt.
- Rasengarten (links vom Weg" gegenüber dem Rosengarten):
Kein Garten weckt bei den Besuchern weniger Verständnis als dieser (vielleicht
mit Ausnahme der "modernen Gärten" im Blumen- und Feigenstück). Er soll an
die Boulingrins Ende des 17. Jhs. erinnern. Die leicht abgesenkten Rasenflächen
dienten in England zunächst für Kugelspiele. Teilweise waren sie Folge der
Ablehnung der holländischen Einflüsse durch die Königin Anna in Verbindung mit
ihren Sparsamkeitsmaßnahmen. Diese abgesenkten Rasenflächen wurden später
als eigenständiges Gestaltungselement von den französischen Gärten übernommen.
Größere Boulingrins wurden oft durch Wege in mehrere kleinere unterteilt. Ihr
Reiz liegt in ihrer Schlichtheit, dem Verzicht auf Ornamente und
Broderiearabesken. Allein die plastische Bewegung der Rasenböschungen, die
schlichten Wasserbecken mit dem einfachen Wasserstrahl bestimmen das Bild.
- Inselgarten (links von der Mitte):
Ähnlich wie bei einer Wasserburg umschließt ein Wassergraben hier eine Insel.
Zwei Brücken führen zu ihr herüber. In der Mitte befindet sich ein buchsgefasstes
Rechteck mit einem barocken Ornament, an den Ecken vier Steinvasen,
Nachbildungen einst aus Salzdahlum gekommener Vorbilder, die im Krieg zerstört
worden waren und aus deren Bruchstücken Kurt Lehmann die jetzt vorhandenen
als freie Nachbildungen geschaffen hat. Zwischen ihnen stehen Agapanthus-
Terrakotten als Pflanzenschmuck.
- Springwassergarten (rechts am Weg):
Er erinnert an die Fontänengärten des Barocks. Ein mittleres, rasengefasstes
Parterre-Rechteck (nach einem Entwurf Le Nôtres für Vaux-le-Vicomte) wird von
zwei seitlichen Systemen aus jeweils fünf Springwasserbecken, verbunden durch
Kanäle eingefasst. Seitlich steht ein Paris mit einem Apfel in der Hand.
(Alle vier äußeren Heckengärten besitzen Skulpturen:
- Niederdeutsche Bauerngarten: Veritas als Allegorie der Wahrheit,
- Renaissancegarten: Marsyas mit der Panflöte,
- Inselgarten: Steinvasen (nach Salzdahlumer Vorbild),
- Springbrunnengarten: Paris mit Apfel (Bronze).
- Die Dreiecksgärten im südlichen Teil:
Sie dienten ursprünglich für die Anzucht von Obst und Gemüse und nicht als Lustgärten.
Dadurch vermittelte der frühere Garten ein anderes Raumgefühl. Er entsprach eher
einem Hortus conclusus. Da eine Wiedereinrichtung der Obstkulturen 1936 nicht
sinnvoll erschien, schuf man hier Bosketträume, wie sie seit dem 16. Jh. aus Italien her
bekannt sind und wie sie für die Barockzeit charakteristisch wurden (heute noch so z.B.
in Schwetzingen und Sanssouci erhalten). Die Pflanzungen innerhalb der geschnittenen
Baummassen stellen sich als geschlossene Baumwände dar und steigern so die
architektonische Wirkung der von den Wegen bestimmten Blickachsen. Im Bereich der
"Grossen Fontäne" schuf man im Inneren lauschige Sitzplätz.
Die kleinen Fontänen in den einzelnen Viertel des "nouveau Jardins" wurden bereits 1699 bis
1709 angelegt.
- Große Fontäne:
Sie ist der Mittelpunkt der hinteren Gartenhälfte und der Stolz des Großen Gartens (die
höchste Europas in einem Park). Das Becken wurde zwar schon 1700 gebaut, die Fontäne
aber erst mit englischer Hilfe 1720 fertiggestellt. Mehrere vorangegangene Versuche waren
gescheitert. Geglückt war es, durch ein Anstauen der Leine, den Bau eines Kanals und eines
Wasserhebewerks mit 40 Pumpen. Zunächst stieg das Wasser nur 35 m hoch, doch nach
dem Auswechseln der Bleirohre gegen Eisenrohre und Umbauten nach 1856 67 Meter. Seit
1956 bringt eine Elektropumpe bei ruhigem Wetter den Strahl bis auf 82 m. Das Wasser wird
durch einen 4 mm breiten Rundschlitz von 28 cm Durchmesser mit einem Druck von 10
Atmosphären gepresst. Der aufsteigende Strahl ist innen hohl. Je Stunde werden etwa 500
Kubikmeter Wasser benötigt.
Selbst Hirschfeld (sonst ein Vertreter des Landschaftsgartens) schrieb 1779 über diese
Fontäne begeistert:
"Man wird nicht müde zu sehen, wie die blendende, schäumende Pyramide
emporsteigt. Sie fliegt und strebt den Wolken entgegen, stürzt zurück und tobt,
dass sie zu ohnmächtig war, sie zu erreichen. Mit neuer Kühnheit steigt sie wieder
empor, ist dem Himmel nahe, wälzt sich und brauset wieder in den Abgrund. In
veränderter Gestalt schwebt sie wieder empor. Nun hebt sie sich höher, nun
scheint sie die Wolke zu fassen und in ihrer Höhe zu verweilen. Doch seht, wie sie
sich wieder senkt, stürzt, drängt mit wildem Getöse! Die Vögel selbst verstummen
mitten im Lobgesang der Natur. Indessen schäumt die stolze Säule in ünw Höhe,
blitzende Diamanten springen herab, fallen und verschwinden wie der
Kronenschmuck der Monarchen". (aus "Theorie der Gartenkunst, 1779).
- Vollmond:
Er bildet den kreisförmigen Abschluss der Längsachse (Hauptallee) an der Graft und ist von
einer doppelten Lindenreihe umgeben. Von hier bieten sich mehrere sehr schöne
perspektivische Ausblicke:
- nach Norden zur Großen Fontäne,
- nach den Seiten zu den Pavillons an den jeweiligen Enden der Allee und
- in den Diagonalen die kleineren Fontänen in den Kreuzungspunkten der
Sternwege.
- Graft:
Sie umgibt den Garten von drei Seiten und schließt ihn nach außen ab. Insgesamt ist sie 2055
m lang. Von 1696 bis 1700 haben Soldaten (unter Begleitung von Marschmusik) 120.834
Kubikmeter Erde ausgehoben, die als Wall zum Schutz gegen die Hochwasser der Leine
verwandt wurden. 1702 wurde in der Nordwestecke ein Gondelhäuschen errichtet und ab 1703
eine venezianische Gondel in Betrieb genommen. Die Graft ist es, die für den strengen Aufbau
des Gartens zum bestimmenden Grundelement wurde. Wassertechnisch war sie zwar wegen
dem früheren Hochwasser der Leine naheliegend, doch drückten sich in ihr besonders die
inneren Beziehungen der Kurfürstin zur holländischen Gartenkunst aus. (In der französischen
hatten wir hinter dem Parterre einen Mittelkanal, wie wir ihn in Schleißheim und
Nymphenburg finden und er noch in Charlottenburg angedeutet ist. In allen diesen Beispielen
allerdings nicht aus der französischen Tradition heraus entwickelt).
Nach innen wird die Graft von einer dreireihigen Allee begleitet. Es ist gerade dieser Kontrast
von Wasserfläche und Allee, der dem Garten seinen Stempel aufdrückt und den viele
besonders im Herbst lieben. Je nach Tages- und Jahreszeit schaffen das Spiel von Licht und
Schatten hier ihre eigenen Reize, ihre eigene Atmosphäre.
Schon lange wird die notwendige Erneuerung der Allee diskutiert. Aus Angst vor dem sich
dann neu bietendem Bild, dem Verlust des jetzigen Stimmungsbildes, wurde diese Maßnahme
bisher immer aufgeschoben. Dies wäre ihre zweite Neupflanzung (die erste erfolgte in der
Mitte des 19 Jhs.).
- Pavillons von Rémy de la Fosse:
Sie stehen als Point de vue (Blickpunkte) an den jeweiligen Südenden der seitlichen
Lindenallee neben der Graft. 1708-09 wurden sie nach Entwürfen des in Hannoverschen
Diensten stehenden französischen Architekten Louis Rémy de la Fosse errichtet. Seit 1757
stehen in jedem von ihnen je vier Büsten antiker Denker:
- im östlichen: Sokrates, Epikur, Platon und Aristoteles,
- im westlichen: Marc Aurel, Karneades (gr. Skeptizist), Zenon, Cicero.
- Halbmond:
Er bildet jeweils den halbkreisförmigen Abschluss der mittleren Querachse. Hervorgehoben
wird er durch einen einfachen Halbkreis von Linden.
- Friederikenbrücke:
Sie führt über die Graft vom Großen Garten in den Georgengarten und sollte einen direkten
Zugang zum Georgenpalais (Walmodenschloß) bilden. Nachdem die Personalunion zwischen
England und dem Königreich Hannover 1837 beendet worden war, hatte man es
vorübergehend zur Sommerresidenz gewählt und 1840 Laves mit deren Bau beauftragt.
- Denkmal der Kurfürstin:
Es steht im Abschluss der seitlichen Längsachse des Parterres an der Stelle, an der die
Kurfürstin am 8 Juli 1714 starb. Ursprünglich befand sich hier ein kleines Kabinett (ein
offenes Bauwerk zum Sitzen), dass nach kurzer Zeit abbrannte, bzw. abgerissen werden
musste. 1878 wurde ihr hier das Denkmal errichtet (geschaffen von F.W. Engelhard). An der
Stelle des früheren westlichen Kabinetts steht heute das Mittelstück der ehemaligen
Schlosstreppe (von 1699). Es ist das einzige, was vom Schloss übrig geblieben ist.
(Heute fehlen diese Kabinette als architektonisches Gegenüber von Kaskade und Grotte).
- Glockenfontäne:
Sie befindet sich mitten im Parterre und stellt mit 169 Strahlen das schönste Wasserspiel im
Großen Garten dar. Bereits 1696 hatte Leibniz eine geflügelte Fama (Verkörperung des
Gerüchts als weiblicher Dämon mit vielen Augen, Ohren und Zungen) skizziert, die von 25
Wasserstrahlen umgeben war. 1937 wurde dann der heutige Brunnen errichtet, dessen Strahlen
besonders nachts ihre Faszination ausüben, wenn sie beleuchtet werden.
- Gartentheater:
Kein anderer Garten besitzt etwas Vergleichbares. Es ist die einzige unverändert erhaltene
Gartenbühne des Barocks. Theaterspiele gehörten damals zur normalen Abfolge eines Festes.
Noch zu Zeiten Ludwig XIV. benutzte man dafür gewöhnlich schnell auf- und abbaubare
Kulissen für provisorische Bühnen. Die Aufführungen der Komödien von Molière in der
Thetisgrotte von Versailles waren bereits etwas Besonderes. In Hannover wurden die Kulissen
und Umkleideräume durch Hainbuchenhecken ersetzt (1689-92). Die Bühne besteht aus einem
62 x 58 m großen Rechteck, das nach hinten ansteigt. Ihre besondere perspektivische Wirkung
bekommt sie, weil sich der Bühnenraum nach hinten verjüngt, begleitet von goldenen
Skulpturen. An der Bühnenrampe stehen an jeder Seite Nachbildungen der Borghesischen
Fechter, dann folgen Apoll, die Venus von Medici und Figuren in einer tänzerischen Haltung.
Eine Fontäne schließt das perspektivische Bild ab. Der Aufbau dieses Theaters entspricht
einem Grundriss der Kolonnaden Borrominis im Palazzo Spada (der auf Palladio zurückgeht),
nur das hier die Säulen durch Statuen ersetzt werden.
(Die Figuren sind mit einer Bleihaut überzogene Gipsfiguren, die als
Nachbildungen antiker Skulpturen aus der Werkstatt von Pieter van Empthusen
kommen).
Der Zuschauerraum entspricht einem antiken Amphitheater. Seitliche Putten stellen auf jeder
Seite die vier Jahreszeiten dar. Die früheren Skulpturen auf der Balustrade gibt es heute nicht
mehr. Früher saß man auf den Steinstufen. Für die Sessel des Herrscherpaares war auf
mittlerer Höhe eine Ausbuchtung ausgespart gewesen. Heute bietet das Theater Platz für etwa
1000 Personen.
Bei den Darstellungen der Jahreszeiten gibt es den Winters gleich zweimal: Einmal nackt mit einem
Pelzmantel und zum anderen mit einem Umhang und einem Gebläse ein Feuer anfachend. Das
Skulpturenprogramm wirkt hier uneinheitlich und sprunghaft. Auch auf der mittleren Attika
des Galeriegebäudes werden die vier Jahreszeiten durch vier Jungen verkörpert. Sie alle
beziehen sich als Grundgegebenheiten im Leben des Menschen auf die Ordnung im Universum.
In der ersten Zeit spielte hier eine französische Schauspielergruppe hauptsächlich Komödien
von Moliere oder Tragödien von Racine. Zu Ehren der Thronbesteigung Friedrich des Großen
fand hier 1740 ein großes Maskenfest statt. Über die Bedeutung des Theaters für die
Barockgesellschaft bekommt man eine Vorstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in
manchen Stücken sogar Mitglieder des Hofes darin spielend mitwirkten.
- Königsbusch:
Gleichzeitig mit dem Heckentheater gebaut und sozusagen sein Foyer hinter der hinteren
Rundmauer des Zuschauerraumes. In seiner Mitte befinden sich in den Ecknischen vier
Statuen der Gartengründer:
- Herzog Georg, der mit der Gründung eines Vorwerks die Voraussetzungen
für den Garten schuf,
- der Kurfürst Ernst August,
- seine Gemahlin Sophie, die ihm sein endgültiges Aussehen gaben und
- ihr Sohn Georg Ludwig, der später als Georg I. nach England ging.
Der eigentliche erste Gründer des Gartens Johann Friedrich, der in Herrenhausen 1666 dessen
Ausgangsanlagen schuf, wurde bewusst übersehen, da sein Bruder und Erbe sich nicht mit ihm
vertrug. Die Skulpturen wurden bereits 1690 (d.h. vor dem Erlangen der Kurwürde.
Erkennbar an der Art der Fürstenkrone zu Füssen der Kurfürstin) von Arnold Rossfeld
im Auftrag des Kurfürsten geschaffen.
Lange Zeit diente der Königsbusch für die Fürstenkinder als Spielbereich, heute ist er wie in
seiner ersten Zeit nur noch ein Theatervorraum. In den Außenecken des Rundganges stehen
zwei prächtige Schmuckvasen.
- Orangenparterre:
Seit der Renaissance versuchte sich jeder Fürst einen Orangengarten anzulegen. Da die
Pflanzen nicht winterhart waren, musste für sie ein Überwinterungsquartier geschaffen
werden. Das galt auch für den Hof von Hannover. Dabei bildeten der Aufstellungsbereich im
Freien (das Orangenparterre) und das Schutzgebäude (hier zunächst die Galerie) fast immer
eine Einheit. Durch die Umfunktionierung der Galerie zum Festgebäude und die zunehmende
Zahl der Pflanzen wurde hinter dem bisherigen Quartier 1723 eine neue Orangerie gebaut
Die Aufstellung der Pflanzen erfolgte früher einfach in Reihen. Zur 300-Jahr-Feier 1966
wurde von K.H. Meyer das heutige Orangenparterre geschaffen. Man tritt durch das "Goldene
Tor` in einen "geschachzabelten" Garten, wie es ihn in mittelalterlichen Klostergärten
gegeben haben soll. Auffallend sind zwei Wappenbilder in Buchsbaum, das welfische der
Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und das kurpfälzische der Kurfürstin Sophie. Die
Tonkübel für die Pflanzen sind nach alten Vorbildern in Süditalien gefertigt worden.
- Südportal des Galeriegebäudes:
Die Galerie wurde erst in den letzten Lebensjahren des Kurfürsten gebaut. Im Giebel des
Südportals sieht man einen Kurhut mit dem Monogramm Ernst Augusts und Sophies. Auf
den Schrägen lagern Mars (mit Harnisch und Helm) und Athene (mit einem Gorgoschild).
Mars ist hier ohne Waffen als älterer Mann dargestellt, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Beide,
sonst kriegerische Göttergestalten, sind hier als Figuren am Ende eines von Kriegen
gekennzeichneten Jahrhunderts dargestellt (ihr Bildhauer war wahrscheinlich Arnold Roßfeld,
der auch die Skulpturen im Königsbusch geschaffen hat).
- Fürstengarten (Blumengarten):
So wie er sich heute hinter der Kaskade darbietet, ist er eine modernistische Neuplanung des
Schweizer Gartenarchitekten Guido Hager zur Expo 2000. Früher wurde er als "Giardini
Secreti" auf seiner Rückseite von einem eingeschossigen Seitentrakt des Schlosses begrenzt.
Hager übernahm das historische Raumgefüge aus Baumgang, Parterre und Boskett und
entwickelte mit alten Gartenelementen eine neue Konzeption.
Hagers Drei-Zonen-Konzept (von Nord nach Süd konzipiert):
(Als Abschluss dienen das Foyer von Jacobson und der gusseiserne
Arkadengang von Schuster),
- bekiester Bereich,
- 36 buchsbaumgefasste Blumenbeete,
- Linden in einer strengen Anordnung.
Als ehemaliger "fürstlicher Privatgarten" lag er vor den Privaträumen des Fürsten. Im 18.
Jh. waren für ihn üppige Blumenrabatten, Skulpturen, Rasenflächen und Rosskastanien
bestimmend gewesen. Im 19. Jh. legte man ihn mit dem Orangengarten zusammen und
bepflanzte ihn mit Sträuchern und Bäumen. An die Stelle der ehemaligen Verbindungsallee
zur Galerie steht heute das Foyer von Arne Jacobsen, südlich davon ein gusseiserner
Verbindungsgang, der 1861-62 vom Schloss Monbrillant nach hier verlegt wurde. Im 2.
Weltkrieg war dieses Gartenteil völlig zerstört worden.
Eigentlich kann man den Geist des Großen Gartens nicht mit einem Besuch erfassen. Man muss ihn immer
wieder besuchen und ihn zu den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten erleben. Man kann ihn in einer Stunde
durchschreiten, aber auch einen halben Tag in ihm verbringen. Einen Höhepunkt stellt der anschließende Besuch
eines Konzertes, einer Theateraufführung oder eines Feuerwerkes in ihm dar.
(Im Sinne seiner Stilreinheit sind bei dem bestehenden Garten verschiedene Teile zu überprüfen. Eine ideale
Orientierungsunterlage dürfte dafür der Kupferstich von 1714 sein, d.h. einer aus dem Todesjahr der Kurfürstin.
Auch müsste das alte Schloss als historischer Bezugsbereich wieder errichtet werden).
Wenn man den Großen Garten verlässt, sollte man den Eingangsweg auch wieder zurückgehen. Die großen
Kübelpflanzen rechts und links des Weges werden dann einen anderen Charakter bekommen haben.
(Hat man den Parkplatz erreicht, kann man auf der Außenseite der Graft bis zur Friederikenbrücke gehen und
von dort einen kleinen Rundweg durch den Georgengarten (benannt nach König Georg IV.) anschließen:
Leibniztempel -Georgenpalais (= Wallmodenpalais, Wilhelm-Busch-Museum) - zurück über die Herrnhäuser
Allee).
Der "Georgengarten"
Der Georgengarten gehört heute zu den wenigen erhaltenen reifen (klassischen) Landschaftsgärten in
Deutschland. Kennzeichnend für ihn sind das Fehlen sentimentaler Staffagen und seine großräumigen
Raumkonzeptionen. Ursprünglich, durch den nahen englischen Einfluss, einer der ersten Landschaftsgärten
überhaupt in Deutschland. Nur Schwöbber (um 175 1, bei Hameln) und Harpke (1756, bei Helmstedt) waren als
sentimentale Gärten eher angelegt worden.
Geschichte:
Ab 1700 Der hannoversche Hofadel baut seine Lusthäuser entlang der Straße nach Herrenhausen
(verbunden mit großen Gärten).
1727 Pflanzung der Herrenhäuser Allee in der heutigen Form (1800 m lang mit vier
Lindenreihen: der dabei entstehende mittlere Weg war für die Kutschen, der rechte für die
Reiter und der linke für die Fußgänger). 1972-74 vollständige Erneuerung der Bäume.
wegen der Kriegsschäden durch vorbereitete achtjährige Kaiserlinden (1219 Pflanzen).
nach 1750 Kauf und Zusammenlegung verschiedener Besitzungen durch Johann Ludwig Graf
Wallmoden (Sohn Georg II.). Er hatte die Entwicklung zum Landschaftsgarten in
England erlebt. Zunächst passte er sich den Traditionen in Hannover an, doch
ab 1768 Anlage eines Landschaftsgartens (allerdings mit fehlendem Gefühl für Raumwirkungen.
Die Wege und Gehölze wurden hier durch nichts motiviert).
1835-41 Errichtung des heutigen Wilhelm-Busch-Museums (Wallmoden-Palais) anstelle eines
Lusthauses.
1835-41 Kauf der Anlagen der Familien Wallmoden und der von Wagenheim durch den König
und Umgestaltung zu einer großzügigen Gesamtanlage (bis 1860) durch den Hofgärtner
Christian Schaumburg (Schüler Lennés):
- Ausweitung der Gräben zu Teichen,
- sanfte Modellierung des Geländes mit Hilfe des Teichaushubes,
- Schaffung eines großzügigen Wegenetzes, begleitet von pflanzlichen Solitärs.
- Ausrichtung der Pflanzungen auf stimmungsvolle Bilder (geschaffen mit Hilfe
der Wuchsformen und Farben der Gehölze).
(Gefühlsausdrücke versuchte man jetzt nur noch mit Mitteln der Natur zu
erreichen. Dabei folgte die Gestaltung malerischen Prinzipien. Statt der
Schlängelwege der ersten Landschaftsgärten folgten die Wege großzügigen
Kurven und die Uferlinien wurden durch Gehölze verschleiert).
nach 1866 Vernachlässigung der Pflege und zunehmende Nutzung durch die umliegende
Bevölkerung.
1921 Übernahme durch die Stadt und Instandsetzung nach Nutzungskriterien.
1934 Verlegung des Leibnizdenkmals vom Stadtwall in den Georgengarten (dort 1790
errichtet, Tempel vom Hofrat Remberg entworfen, die Büste von Christopher
Hewetson).
1943 starke Zerstörung durch den 2. Weltkrieg und Folgeschäden im Rahmen der
Nachkriegsnutzung.
danach städtisches Naherholungsgebiet,
seit 1996 behutsame Annäherung an Schaumburgs Konzept von 1860 (im Rahmen eines
Parkpflegewerks von Dröge / Rohde): Wiederherstellung des alten Umfeldes um das
Wallmoden-Palais; Gestaltung des Palaisgartens durch Rainald Eckert auf den
Grundstrukturen von 1935).
Heute ist im Wallmoden-Palais das Wilhehn-Busch-Museum (u.a. auch mit einer Sammlung von Zille-Blättern
und zeitkritischer Grafik). Insgesamt fehlt dem Georgengarten durch seine umliegende Bebauung jetzt sein
landschaftlicher Hintergrund. Dadurch ist er, - durch den ihm fehlende Raumbezug -, in seinem
landschaftsgärtnerischen Wert oft nur noch schwer zu erfahren.
Der Berggarten
Folgt man der Herrenhäuser Allee in Richtung Parkplatz sieht man in der Ferne als Point de vue den
Bibliothekspavillon des Berggartens vor sich (von Laves, heute Sitz der Verwaltung der Herrenhäuser Gärten).
Wahrscheinlich gibt es für einen Gartenfreund in Europa nur wenige Gärten, die anregender sind als dieser. Auf
der einen Seite ein botanischer Garten mit den verschiedensten Pflanzen und auf der anderen folgt er höchsten
ästhetischen Bepflanzungsansprüchen. Trotz unzähliger Besuche hatte er für den Autor immer neue, nachhaltige
Eindrücke bereit.
Geschichte:
1666 als Küchengarten gleichzeitig mit dem Großen Garten auf den Resten einer
abgetragenen, ehemaligen Sanddüne angelegt (deshalb "Berg"-Garten).
1677 Die Anlage erhält einen streng formalen Aufbau. Drei Umstände führten dann dazu,
dass er bereits sehr früh die Aufgabe eines Sammler- und Versuchsgartens übernahm
- der Bedarf an Blumen durch den Hof (im Großen Garten gab es sie kaum),
- Das Bedürfnis der Kurfürstin Sophie und ihrer Tochter Sophie Charlotte
seltene und schöne Pflanzen zu besitzen (ab 1682). Sie stellten dafür einen
Teil ihrer persönlichen Gelder zur Verfügung.
- Der Wunsch des Hofes wirtschaftlich autark zu werden. Auf Anraten von
Leibniz wurden eine Reihe von Anbauversuchen unternommen: u.a. der
gescheiterte Versuch Reis anzubauen (1689). Erfolgreich war man dagegen
mit dem Anbau von verschiedenen Tabaksorten und vor allem mit
Maulbeerbäumen für die königliche Seidenmanufaktur in Hameln. (Sie
wurde erst auf Befehl Napoleons geschlossen, um für Lyon einen
Konkurrenzbetrieb auszuschalten).
1686 Errichtung eines ersten Pflanzenhauses,
ab 1750 Einstellung der Anzucht von Nutzpflanzen (Diese Aufgabe übernahm der
Küchengarten in Linden).
1757 Bau des ersten Ananashauses,
+ 1764 des ersten Glashauses für Warmpflanzen,
+ 1791 des ersten Palmenhauses,
+ 1879 des mit 30 in Höhe höchsten Palmenhauses Europas (aus Eisen und
Glas).
(Es wurde im Krieg zerstört. An der Stelle steht heute mit wenig
Einfühlungsvermögen in die historische Gesamtsituation des Gartens das
Regenwaldbaus. Vom englischen Architekten Gordon Wilson für
Pflanzen der südamerikanischen und pazifischen Regenwälder
entworfen).
1774 Umgestaltung des Gartens von seinem bisher formalen Aufbau zu einer Parklandschaft.
1816-19 Bau des Bibliothekspavillons (erstes Bauwerk Laves), gleichzeitig Wohnung des
Hofgärtners. Der Pavillon steht als Point de vue in der Sichtachse der Herrenhäuser
Allee.
1845-48 Bau des Mausoleums (als Abschluss einer vierreihigen Lindenallee von 1727).
Ursprünglich für den ersten König und die Königin von Hannover (Sarkophage von
Rauch), 1957 aber auch Überführung der Grabmäler aus der Schlosskapelle im
Leineschloss, u.a. das der Kurfürstin Sophie und des Königs Georg 1. von England.
1846-48 Umpflanzung von 36 Eichen um das Mausoleum (damals bereits 13-14 in hoch und
mit einem 45 cm starkem Stammdurchmesser. Vorbereitungszeit 1 Jr.; alle Bäume
wuchsen an). Heute stehen von ihnen noch 32 Pflanzen.
1850 gab es im Berggarten 34 Glashäuser. Hier blühten viele bekannte Pflanzen erstmals in
Europa, bzw. traten von hier ihren Siegeszug an: U.a.
- Victoria regia (1851 erste Blüte),
- Anthurium scherzerianum (1858),
- Solanum wendlandii (1859),
- Billbergia viridiflora (1859) und
- besonders das Usambaraveilchen (1891).
1903 besaß der Berggarten die größte Orchideensammlung Europas.
(Eine besondere Bedeutung erlangten hier drei Generationen der Hofgärtner Wendland, die von hier
aus 829 Pflanzen- und Abarten erstmals wissenschaftlich beschrieben haben. Hermann Wendland
wurde hier zum bedeutendsten Palmenspezialisten Europas).
1936 Kauf des Berggartens durch die Stadt Hannover.
1944 111 Bomben zerstören ihn weitgehend.
1961 Anlage des Moorweihers und der umliegenden Pflanzungen.
1997 Fertigstellung des Präriegartens.
Heute wieder eine der bedeutendsten Pflanzensammlungen Deutschlands mit neuen Schauhäusern und der
Zusammenstellung neuer Pflanzenbestände. Gleich hinter dem Eingang liegt hinter dem Bibliotheksgebäude ein
Schmuckhof und ein Hof für suptropische Pflanzen. Dahinter befindet sich das Orchideen-Kakteen-Haus dessen
Besuch sich lohnt (größte Orchideen-Dauerausstellung Europas, ca. 3.500 Kakteen und Sukkulenten). Ihnen
folgt der Iris-, Stein- und Pergolengarten, letzterer als Senkgarten nach dem Vorbild Karl Foersters.
Nach einem Kanarenhaus, dem Steppen- und Schmuckstaudengarten gelangt man in den hinteren Teil mit
seinem Rhododendronhain. In ihm liegt das "Paradies", einem Höhepunkt gärtnerischer Pflanzkunst (im Winter
die blühende Schneebeide, im Frühling ergänzt von Magnolien und Kurume-Azaleen. Den anschließenden
Moorweiber gibt es erst seit 196 1. Die anschließende Heide soll beispielhaft für eine norddeutschen
Landschaftstyp stehen. Danach kommt mit 18.000 qm der Staudengrund, in dem überwiegend Wildstauden
stehen (nach gärtnerisch-ästhetischen Kriterien aufgepflanzt). An seinem Ende steht eine prächtige Abart einer
niedrig wachsenden Buche (Fagus silvatica"Suenteliensis").
Für die Herrenhäuser Gärten sollte man einen ganzen Tag veranschlagen (ideal mit einer Abendveranstaltung im Großen Garten). Zwischen den drei Gärten liegt günstig ein Parkplatz.
Vorschlag:
- Zunächst Besuch des Großen Gartens (offen täglich von 8 - 19.00, im Winter bis 17.30 Uhr),
danach Spaziergang außerhalb des Gartens an der Parkplatzseite bis zur Friederikenbrücke, zum
Leibnizdenkmal und dann Wilhelm-Busch-Museum (hier kleiner Imbiss).
Wasserspiele (Ende März - Anfang Oktober): Mo. - Fr.: 11 - 12 + 15 - 17 Uhr,
Sa., So. u. Feiertage: 11 - 12 + 14 - 17 Uhr.
- Nach der Wanderung über die Herrenhäuser Allee Besuch des Berggartens (offen täglich von 8 -
20.00, im Winter bis 16.30 Uhr). Kaffee im Klubhaus einer Schrebergartensiedlung (Durchgang
durch die Mauer zwischen Heide- und Staudengarten; jetzt rechts, dann nach wenigen Metern links
bis zu einem Querweg, dann wieder nach links bis zu einem kleinen Gartenlokal auf der rechten
Seite).
- Abends Konzert oder Theater im Großen Garten, bzw. Galerie. Danach Abendessen im
Gartenrestaurant.
Tel.: Verkehrsverein 0511 - 12345-111 (Veranstaltungen)
Informationspavillon 0511 - 168-47743
Internet: www.herrenhaeuser-gaerten.de
www.festwochen-herrenhausen.de
|
|